Sandra Locher Freie Rednerin (IHK) · Trauerbegleiterin (DEKRA)

Aus Sandras Blog

Trauerbegleitung

Wenn selbst mir die Worte fehlen …

Wenn selbst mir die Worte fehlen

Wie fühlt es sich an, als Rednerin ein Sternenkind zu verabschieden?

Es gibt Anfragen, bei denen ich auf mein Handy schaue, lese – und erst einmal schlucken muss.

„Unser Baby ist gestorben.“

Auch nach all den Lebensfeiern, die ich inzwischen begleiten durfte, sind das Worte, die etwas mit mir machen.

Dann bekomme ich Herzklopfen.

Nicht, weil ich Angst vor dieser Aufgabe habe.

Sondern weil ich weiß, was hinter dieser einen Nachricht steht.

Da sind Eltern, die sich bis vor Kurzem noch auf ihr Baby gefreut haben.

Vielleicht war dieses Kind ein lang ersehnter Herzenswunsch.

Da wurden Namen überlegt.

Kleine Kleidungsstücke gekauft.

Vielleicht steht zu Hause schon ein Kinderwagen.

Ein Bettchen.

Ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer.

Da gab es Vorstellungen davon, wie dieses neue Leben aussehen würde.

Die erste Nacht zu Hause.

Das erste Lächeln.

Die ersten Schritte.

Der erste Geburtstag.

Und plötzlich geht es nicht mehr darum, ein Kind auf dieser Welt willkommen zu heißen.

Sondern darum, Abschied zu nehmen.

Wie findet man dafür Worte?

Vor dem ersten Gespräch habe auch ich Herzklopfen

Ich begleite trauernde Menschen.

Ich begleite verwaiste Eltern.

Und trotzdem wird eine solche Anfrage für mich niemals Routine werden.

Und das soll sie auch niemals.

Vor dem ersten Kontakt mit den Eltern habe ich Herzklopfen.

Ich überlege:

Wie beginne ich dieses Gespräch?

Was brauchen diese Menschen gerade?

Was kann ich ihnen abnehmen?

Wo kann ich ihnen Halt geben?

Und gleichzeitig weiß ich etwas ganz Wichtiges:

Ich kann nicht wissen, wie sich genau ihr Schmerz anfühlt.

Auch wenn ich selbst Trauer und Verlust kenne.

Auch wenn ich Mutter von zwei inzwischen großen Kindern bin.

Dieser Schmerz gehört diesen Eltern.

Deshalb werde ich ihnen niemals erzählen, dass ich genau weiß, wie sie sich fühlen.

Aber ich kann zuhören.

Ich kann aushalten.

Und ich kann versuchen herauszufinden, was sie jetzt von mir brauchen.

Wie schreibt man über ein Leben, das noch gar nicht richtig beginnen durfte?

Bei einer Lebensfeier erzählen mir Angehörige normalerweise von einem ganzen Leben.

Von Kindheit und Jugend.

Von Liebe und Familie.

Von Urlauben, Macken, Lieblingsliedern, Freundschaften und all den kleinen Geschichten, bei denen während unseres Gesprächs zwischen den Tränen plötzlich wieder gelacht wird.

Bei einem Sternenkind kann all das fehlen.

Manchmal ist dieses kleine Leben schon vor der Geburt zu Ende gegangen.

Manchmal während der Geburt.

Manchmal kurz danach.

Und dann sitze ich vor einem leeren Blatt und frage mich:

Wie schreibe ich die Lebensgeschichte eines Menschen, der noch gar keine Erinnerungen sammeln durfte?

Irgendwann habe ich verstanden:

Vielleicht gibt es noch keine lange Lebensgeschichte.

Aber es gibt längst eine Liebesgeschichte.

Und genau dort beginne ich.

Vielleicht bei einem positiven Schwangerschaftstest.

Bei diesem ungläubigen Blick auf zwei kleine Striche.

Bei der Nachricht:

Wir bekommen ein Baby.

Bei der Freude.

Bei den ersten Ultraschallbildern.

Bei diesem winzigen Herzen, das plötzlich auf einem Bildschirm schlägt.

Bei den ersten Bewegungen im Bauch.

Bei ungewöhnlichen Schwangerschaftsgelüsten, über die man später wahrscheinlich noch oft gelacht hätte.

Bei einem Namen.

Bei der Frage, wem dieses Kind wohl einmal ähnlich sehen würde.

Bei einer Hand, die immer wieder über den wachsenden Bauch streicht.

Und bei all den Träumen, die Eltern für ihr Kind haben, lange bevor sie es zum ersten Mal im Arm halten.

Auch das ist seine Geschichte.

Vielleicht eine viel zu kurze.

Aber niemals eine bedeutungslose.

Und dann steht da dieser kleine Sarg

Auf diesen Moment kann ich mich vorbereiten.

Und trotzdem trifft er mich.

Ein kleiner Sarg sieht einfach falsch aus.

Da sollte kein kleiner Sarg stehen.

Da sollte irgendwann ein Kinderwagen stehen.

Ein Hochstuhl.

Ein Schulranzen.

Ein Fahrrad, das ständig irgendwo im Weg herumliegt.

Später vielleicht ein Paar riesige Schuhe im Flur und Eltern, die sich fragen, wann dieses Kind eigentlich so groß geworden ist.

Da sollten Geburtstagskerzen ausgepustet werden.

Knie aufgeschlagen werden.

Türen geknallt werden.

Da sollte gelacht, gestritten, getröstet und gelebt werden.

Aber nicht dieser kleine Sarg.

Wenn ich davorstehe, empfinde ich tiefes Mitgefühl.

Und großen Respekt vor diesen Eltern.

Denn während ich dort für eine gewisse Zeit meine Aufgabe habe, müssen sie etwas tun, wofür es eigentlich keine richtigen Worte gibt:

Sie müssen sich von ihrem Kind verabschieden.

Von ihrem Baby.

Und gleichzeitig von einer Zukunft, die sie längst begonnen hatten, sich auszumalen.

Darf eine Trauerrednerin selbst eine Träne im Auge haben?

Ja.

Ich finde schon.

Ich bin Rednerin.

Aber ich bin zuerst einmal Mensch.

Und ich bin selbst Mutter.

Natürlich gibt es Momente, die auch mich treffen.

Manchmal merke ich während einer Rede, dass meine Stimme kurz stockt.

Dann halte ich inne.

Atme.

Sammle mich.

Und manchmal steht eben auch mir eine Träne im Auge.

Das darf sein.

Ich glaube nicht, dass mich das weniger professionell macht.

Ich glaube, es macht mich menschlich.

Meine Aufgabe ist nicht, völlig unberührt einen vorbereiteten Text vorzulesen.

Aber genauso wenig sollen Angehörige das Gefühl bekommen, jetzt mich trösten zu müssen.

Ich bin für sie da.

Das ist für mich der Unterschied.

Ich darf berührt sein.

Und trotzdem muss ich Halt geben können.

Für diese Worte gibt es keine zweite Chance

Das empfinde ich bei jeder Lebensfeier.

Ein Mensch wird nur einmal verabschiedet.

Deshalb kann ich nicht sagen:

„Beim nächsten Mal mache ich es besser.“

Es gibt kein nächstes Mal.

Ich habe diese eine Chance, diesem Menschen gerecht zu werden.

Bei einem Sternenkind spüre ich diese Verantwortung noch einmal auf eine ganz besondere Weise.

Ich möchte nichts schönreden.

Ich möchte keine Erklärung dafür suchen, warum etwas passiert ist, für das es vielleicht überhaupt keine Erklärung gibt.

Und ich möchte Eltern ganz sicher nicht erzählen, dass „alles einen Sinn“ hat.

Manches ist einfach nur unfassbar traurig.

Und dann darf es auch genau so benannt werden.

Aber zwischen all dieser Trauer möchte ich etwas sichtbar machen:

Dieses Kind war da.

Es hatte einen Namen.

Es wurde erwartet.

Es wurde geliebt.

Es gab Hoffnungen.

Vorstellungen.

Träume.

Vielleicht war dieses kleine Leben nur wenige Monate im Bauch seiner Mama.

Vielleicht waren es Stunden auf dieser Welt.

Vielleicht durfte dieses Kind ein oder zwei Jahre bleiben und bereits Erinnerungen mit seiner Familie sammeln.

Aber die Länge eines Lebens entscheidet nicht darüber, wie groß die Liebe zu einem Menschen sein darf.

Was kann ich Eltern an einem solchen Tag überhaupt geben?

Über diese Frage habe ich lange nachgedacht.

Und „Trost“ wäre mir als Antwort zu einfach.

Denn was könnte ich sagen, das diesen Verlust wirklich tröstet?

Wahrscheinlich nichts.

Ich kann diesen Eltern ihr Kind nicht zurückgeben.

Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist.

Und vielleicht ist genau das auch gar nicht meine Aufgabe.

Was ich aber tun kann:

Ich kann ihrem Kind an diesem Tag seinen Platz geben.

Seinen Namen aussprechen.

Nicht nur davon erzählen, dass dieses Kind gestorben ist.

Sondern davon, dass es da war.

Dass auf dieses Kind gewartet wurde.

Dass von ihm geträumt wurde.

Dass Mama und Papa Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft hatten.

Und vor allem:

Dass dieses Kind geliebt wurde.

Vielleicht können Eltern irgendwann einmal auf diesen schweren Tag zurückblicken und neben all dem Schmerz einen Gedanken mitnehmen:

Unser Kind wurde gesehen.

Unser Kind wurde beim Namen genannt.

Unsere Liebe zu ihm hatte einen Platz.

Mehr kann ich nicht versprechen.

Aber vielleicht ist genau das manchmal sehr viel.

Wenn ich danach nach Hause fahre

Mit dem letzten Wort meiner Rede endet eine solche Lebensfeier für mich nicht einfach im Kopf.

Natürlich nehme ich Gedanken mit nach Hause.

Ich denke an die Eltern.

An dieses Kind.

An das Leben, das sich diese Familie vorgestellt hatte.

Und manchmal denke ich an dieses Kinderzimmer.

Vielleicht steht dort alles bereit.

Kleine Kleidung liegt im Schrank.

Das Bettchen ist aufgebaut.

Vielleicht steht irgendwo schon eine Packung Windeln.

All diese ganz normalen Dinge, die vor wenigen Tagen noch für Vorfreude standen.

Und plötzlich tun sie weh.

Solche Gedanken schalte ich nicht an der Friedhofstür aus.

Und ganz ehrlich?

Ich möchte das auch gar nicht vollständig können.

Denn wenn mich der Anblick eines kleinen Sarges irgendwann überhaupt nicht mehr berühren würde, wenn ich eine solche Rede halten und anschließend einfach zur Tagesordnung übergehen könnte –

dann wäre für mich vermutlich der Zeitpunkt gekommen, diesen Beruf nicht mehr auszuüben.

„Sandra, warum tust du dir das an?“

Diese Frage könnte man mir stellen.

Warum begleite ich Menschen in Situationen, von denen ich weiß, dass sie auch etwas mit mir machen?

Warum stelle ich mich vor einen kleinen Sarg?

Warum höre ich Geschichten, von denen manche noch lange in meinen Gedanken bleiben?

Meine Antwort ist:

Weil genau dann jemand da sein muss.

Wenn das eigene Leben innerhalb eines Augenblicks auseinanderbricht, weiß man manchmal selbst nicht mehr, wo vorne und hinten ist.

Wie soll man einen Abschied planen, wenn man doch eigentlich ein Willkommen geplant hatte?

Wie soll man Entscheidungen treffen, wenn man kaum begreifen kann, was passiert ist?

Wie soll man Worte finden, wenn man selbst keine mehr hat?

Dann finde ich sie.

Nicht, weil ich stärker bin.

Nicht, weil ich Trauer besser kann.

Sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich das eigene Leben von jetzt auf nachher verändert.

Ich kenne Trauer.

Ich kenne Verlust.

Und ich kenne dieses Gefühl, sich in einer schweren Zeit jemanden an seiner Seite zu wünschen, der nicht versucht, alles mit klugen Sätzen wieder in Ordnung zu bringen.

Sondern einen Menschen, der einfach weiß:

Jetzt gehe ich ein Stück mit.

Vielleicht ist genau das meine Berufung.

Ich darf bei den schönsten Momenten des Lebens dabei sein.

Bei einem Ja.

Bei einem Willkommen.

Aber eben auch dort, wo das Leben eine Wendung nimmt, die sich niemand ausgesucht hätte.

Und gerade dort möchte ich nicht wegschauen.

Ein Sternenkind hat vielleicht keine lange Lebensgeschichte.

Aber es hat eine Geschichte.

Sie beginnt mit Hoffnung.

Mit Vorfreude.

Mit Träumen.

Mit einer Hand auf einem wachsenden Bauch.

Vielleicht mit einem Namen, der schon lange vor der Geburt ausgesprochen wurde.

Und vor allem beginnt sie mit Liebe.

Eine Liebe, die nicht dadurch kleiner wird, dass dieses Leben viel zu kurz war.

Wenn Eltern mir diese Geschichte anvertrauen, weiß ich, welche Verantwortung darin liegt.

Dann stehe ich dort.

Mit Herzklopfen.

Manchmal mit einer Träne in den Augen.

Aber immer mit einem Gedanken:

Heute erzählen wir nicht nur davon, dass ein Kind gestorben ist.

Heute erzählen wir davon, dass dieses Kind da war.

Dass es erwartet wurde.

Dass von ihm geträumt wurde.

Dass es einen Platz in dieser Familie hat.

Und dass es geliebt wird.

Nicht nur bis zu diesem Abschied.

Sondern ein Leben lang. ❤️

Eure Sandra


Wenn ihr euer Kind verabschieden müsst und gerade selbst keine Worte dafür findet, dürft ihr euch bei mir melden.

Ihr müsst nicht wissen, wie eine Lebensfeier aussehen soll oder was jetzt „richtig“ ist.

Wir finden gemeinsam einen Abschied, der eurem Kind und eurer Liebe zu ihm einen Platz gibt.

Trauer braucht ihren eigenen Weg.

Ihr wünscht euch Begleitung in eurer Trauer?

Dann meldet euch gerne bei mir. Wir schauen gemeinsam, was euch im Moment guttun und entlasten kann.

Kontakt aufnehmen
← Zurück zum Blog