Aus Sandras Blog
Was ihr nicht seht, wenn ich vorne stehe

Über Herzklopfen, Plan B und diese letzten Minuten, bevor ich das erste Wort sage.
Wenn ihr mich bei einer freien Trauung, einem Kinderwillkommensfest oder einer Lebensfeier vorne stehen seht, sieht das meistens ziemlich entspannt aus.
Zumindest hoffe ich das.
Die Rede liegt vor mir.
Das Mikrofon funktioniert.
Ich begrüße die Menschen.
Ich lächle.
Und irgendwann beginne ich zu sprechen.
Was ihr nicht seht:
Dass ich meine Technik vorher ungefähr dreimal kontrolliert habe.
Dass ich im Kopf noch einmal sämtliche Namen durchgehe.
Dass ich überprüfe, ob wirklich die richtige Rede vor mir liegt.
Dass ich noch einmal kurz überlege:
Hast du alles, Sandra?
Und dass es diesen einen Moment gibt, kurz bevor es losgeht, in dem mein Herz jedes Mal ein bisschen schneller schlägt.
Immer noch.
Und wisst ihr was?
Ich hoffe, das hört niemals ganz auf.
Denn Routine bedeutet für mich nicht, dass mir etwas egal wird
Natürlich bin ich heute viel sicherer als bei meinen ersten Zeremonien.
Ich weiß, was ich tue.
Ich kenne meine Technik.
Ich weiß, wie ich mit ungeplanten Situationen umgehe.
Und davon gibt es mehr, als man vielleicht denkt.
Aber dieses kleine Kribbeln kurz vor dem Anfang ist geblieben.
Bei jeder Zeremonie.
Denn egal, wie viele Reden ich schon gehalten habe:
Für die Menschen vor mir ist genau diese eine nicht irgendeine.
Für ein Brautpaar ist es ihre Trauung.
Für Eltern ist es das Willkommensfest ihres Kindes.
Und für eine Familie ist es der Abschied von ihrem Menschen.
Da möchte ich niemals vorne stehen und denken:
Ach, das habe ich schon hundertmal gemacht.
Denn diesen einen Moment gibt es genau einmal.
Bei einer freien Trauung liegt etwas in der Luft
Ich bin meistens früh da.
Natürlich.
Lieber habe ich noch ein bisschen Zeit, als irgendwann mit wehenden Haaren und meiner Technik unter dem Arm über die Wiese zu rennen.
Also:
Ankommen.
Schauen.
Aufbauen.
Technik testen.
Mit den anderen Dienstleistern kurz abstimmen.
Noch einmal den Ablauf im Kopf durchgehen.
Und dann kommen langsam die Gäste.
Ich sehe plötzlich all die Menschen, von denen mir mein Brautpaar erzählt hat.
Ah. DAS ist also der Trauzeuge.
Da sitzt die Mama, von der ich schon so viel gehört habe.
Dort ist die Freundin, die bei irgendeiner Geschichte später garantiert anfangen wird zu lachen.
Und irgendwann verändert sich die Stimmung.
Alle warten.
Die Gespräche werden leiser.
Ich schaue nach vorne.
Und dann kommt dieser Moment:
Jetzt geht es los.
Ganz ehrlich?
Ich liebe ihn.
Und natürlich läuft nicht immer alles nach Plan
Das wäre ja auch langweilig.
Eine freie Zeremonie findet schließlich mitten im echten Leben statt.
Da kann plötzlich der Wind entscheiden, dass meine Blätter unbedingt fliegen lernen müssen.
Irgendwo fehlt etwas.
Jemand sitzt noch nicht.
Ein Kind hat exakt jetzt einen völlig anderen Plan.
Ein Hund findet sich selbst gerade wesentlich interessanter als das Brautpaar.
Oder das Wetter hat die Wetter-App offenbar nicht gelesen.
Früher hätte mich manches davon wahrscheinlich deutlich nervöser gemacht.
Heute weiß ich:
Dann machen wir eben Plan B.
Und wenn Plan B nicht funktioniert?
Dann lernen wir eben spontan Plan C kennen.
Die Menschen müssen davon im besten Fall gar nichts merken.
Denn sie sind nicht gekommen, um einen perfekten Ablaufplan zu bewundern.
Sie sind gekommen, um etwas zu erleben.
Beim Kinderwillkommensfest gibt es übrigens einen ganz besonderen Chef
Das Kind.
Wir Erwachsenen können vorher wunderbar planen.
Wann gesprochen wird.
Wann ein Ritual kommt.
Wer wann etwas macht.
Was ungefähr wie lange dauert.
Und dann denkt der kleine Mensch:
Nö.
Hunger.
Müde.
Windel voll.
Keine Lust.
Oder einfach das dringende Bedürfnis, genau während meiner schönsten Worte lautstark die eigene Meinung kundzutun.
Und ich liebe genau das.
Denn ein Kinderwillkommensfest ist keine Theateraufführung.
Da muss kein Baby für meine Rede funktionieren.
Wenn ein Kind weint, dann weint es.
Wenn Mama oder Papa es auf den Arm nehmen möchten, machen sie das.
Wenn wir kurz warten müssen, warten wir.
Das Leben hält sich schließlich auch später nicht an unseren Ablaufplan.
Warum sollte es ausgerechnet beim KIWI damit anfangen?
Und dann gibt es diese ganz anderen Minuten
Vor einer Lebensfeier.
Die fühlen sich anders an.
Natürlich kontrolliere ich auch dort meine Technik.
Natürlich gehe ich meine Rede noch einmal durch.
Aber dann kommen die Menschen.
Und ich erkenne sie.
Obwohl ich manche vorher noch nie gesehen habe.
Weil ich ihre Geschichten kenne.
Da kommt vielleicht der Sohn, von dem mir erzählt wurde.
Die beste Freundin.
Der Bruder.
Der Mensch, mit dem jemand sein halbes Leben geteilt hat.
Ich weiß, wer gleich in der ersten Reihe sitzen wird.
Und ich weiß:
Für diese Menschen ist heute nichts Routine.
Vielleicht ist es einer der schwersten Tage ihres Lebens.
Dann stehe ich vorne und spüre diese Verantwortung noch einmal ganz anders.
Ich möchte den Menschen, um den es heute geht, mit meinen Worten noch einmal in diesen Raum holen.
Mit seinen Macken.
Seinem Lachen.
Seinen Geschichten.
Mit dem, was ihn ausgemacht hat.
Und kurz bevor ich anfange, denke ich manchmal einfach:
Sandra. Jetzt bist du für diese Familie da.
Dann atme ich einmal durch.
Und beginne.
Manchmal passiert kurz vorher noch etwas ganz Kleines
Ein Blick.
Eine Berührung.
Jemand kommt zu mir und sagt:
„Sandra, ich bin so froh, dass du heute da bist.“
Oder ein Brautpaar schaut mich kurz vor Beginn an und ich sehe gleichzeitig Aufregung, Vorfreude und dieses:
Oh Gott. Jetzt passiert es wirklich.
Manchmal brauche ich in solchen Momenten gar keine großen Worte.
Ein Lächeln reicht.
Ein:
„Alles gut. Ich bin da.“
Und genau in diesen Sekunden merke ich immer wieder, wie viel Vertrauen Menschen mir entgegenbringen.
Das ist für mich bis heute nicht selbstverständlich.
Ihr seht am Ende nur den Moment vorne
Was ihr nicht seht, sind die Stunden davor.
Die Gespräche.
Meine Notizen.
Das Schreiben.
Das Löschen.
Das erneute Schreiben.
Die Stellen, bei denen ich denke:
Nein. Das klingt schön – aber es klingt nicht nach diesen Menschen.
Also wieder weg damit.
Ihr seht nicht, wie oft ich eine Rede vorher selbst laut lese.
Wo ich eine Pause setze.
Wo ich vielleicht schon beim Schreiben lachen musste.
Oder wo ich selbst kurz schlucken musste.
Und ihr seht auch nicht, wie viel manchmal in meinem Kopf passiert, während ich vorne scheinbar ganz ruhig dastehe.
Und dann ist da dieser eine Moment
Die Musik wird leiser.
Die Gespräche verstummen.
Menschen schauen zu mir.
Meine Hände liegen auf meiner Rede.
Noch einmal ein kurzer Blick.
Noch einmal atmen.
Und dann kommt der erste Satz.
Ab diesem Moment ist die Nervosität meistens weg.
Dann bin ich einfach da.
Bei diesen Menschen.
Bei ihrer Geschichte.
Bei diesem einen Moment.
Vielleicht glauben manche, Routine bedeutet irgendwann, dass man vor einer Zeremonie nicht mehr aufgeregt ist.
Für mich bedeutet Routine heute etwas ganz anderes:
Ich weiß inzwischen, was ich tue.
Aber es ist mir trotzdem nicht egal.
Und genau deshalb darf mein Herz ruhig noch ein bisschen schneller schlagen.
Denn sollte ich irgendwann vor einer Trauung, einem Kinderwillkommensfest oder einer Lebensfeier stehen und überhaupt nichts mehr fühlen, dann wäre für mich wahrscheinlich etwas verloren gegangen.
Ich möchte nicht einfach vorne stehen und meine Arbeit erledigen.
Ich möchte wissen:
Heute vertrauen mir Menschen einen Moment ihres Lebens an, den sie nicht zurückholen können.
Einen Anfang.
Ein Versprechen.
Oder einen Abschied.
Und vielleicht ist dieses Herzklopfen deshalb gar keine Nervosität.
Vielleicht ist es einfach mein Körper, der mir kurz vor dem ersten Satz noch einmal sagt:
Sandra, das hier bedeutet jemandem gerade die Welt.
Und genau so möchte ich auch nach der hundertsten Rede noch vorne stehen.
Mit Erfahrung.
Mit einem Plan.
Zur Sicherheit auch mit Plan B.
Aber niemals ohne Gefühl.
Eure Sandra
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