Aus Sandras Blog
Irgendwann ist ein gefährliches Wort

Über all die Dinge, für die wir glauben, noch unendlich viel Zeit zu haben.
Irgendwann.
Eigentlich ein ziemlich harmloses Wort.
Ich benutze es selbst ständig.
Irgendwann fahren wir da mal hin.
Irgendwann muss ich sie unbedingt wieder anrufen.
Irgendwann treffen wir uns auf einen Kaffee.
Irgendwann mache ich das.
Irgendwann nehme ich mir dafür Zeit.
Irgendwann.
Und manchmal denke ich:
Wir benutzen dieses Wort, als hätten wir einen Vertrag mit dem Leben.
Als wäre irgendwo festgeschrieben, wie viele Montage, Sommer, Weihnachten, Geburtstage und völlig normale Dienstage noch vor uns liegen.
Ist es aber nicht.
Das weiß ich.
Und wahrscheinlich weiß ich es heute ein bisschen mehr als früher.
Ich habe Menschen von ihrem „Irgendwann“ erzählen hören
In meinen Gesprächen vor einer Lebensfeier erzählen mir Angehörige natürlich von einem ganzen Leben.
Von dem, was war.
Aber manchmal erzählen sie mir auch von dem, was noch sein sollte.
„Eigentlich wollten wir nächstes Jahr noch einmal dorthin fahren.“
„Wir wollten uns schon die ganze Zeit wieder treffen.“
„Er wollte das unbedingt noch machen.“
„Wir haben immer gesagt, wenn wir mal mehr Zeit haben …“
Diese Sätze sind leise.
Und vielleicht bleiben sie gerade deshalb so lange bei mir.
Denn niemand von uns weiß, wann aus:
„Das machen wir noch.“
plötzlich
„Das hätten wir noch machen wollen.“
wird.
Das klingt traurig.
Und natürlich ist es das manchmal auch.
Aber für mich steckt darin inzwischen noch etwas anderes.
Eine verdammt wichtige Erinnerung ans Leben.
Keine Sorge – ich bin nicht plötzlich erleuchtet
Seit ich als Rednerin arbeite, springe ich morgens nicht aus dem Bett und rufe:
„Was für ein Geschenk, dieser Mittwoch!“
Ganz sicher nicht.
Ich verschiebe Dinge.
Ich rege mich über völligen Blödsinn auf.
Ich verschwende Zeit.
Ich sitze am Handy und frage mich hinterher, was ich da eigentlich die letzten 40 Minuten gemacht habe.
Ich sage:
„Mache ich morgen.“
Und manchmal wird daraus übermorgen.
Oder nächste Woche.
Ich bin nicht Buddha. Ich bin Sandra.
Aber etwas hat sich verändert.
Ich merke heute schneller, wenn ich gerade etwas verschiebe, das mir eigentlich wichtig ist.
Und ich frage mich häufiger:
Warum eigentlich?
Denn aus „später“ kann irgendwann ganz leise ein „nie“ werden.
Dabei geht es gar nicht um die große Weltreise
Wenn Menschen sagen:
„Man muss das Leben genießen!“
klingt das manchmal, als müsste ich sofort kündigen, einen Camper kaufen und mit einem Glas Wein irgendwo am Meer sitzen.
Kann man machen.
Muss man aber nicht.
Vielleicht ist Leben viel unspektakulärer.
Vielleicht bedeutet es:
Den Menschen anzurufen, an den du seit drei Wochen denkst.
Den Kaffee nicht zum fünften Mal mit „Wir müssen unbedingt“ zu beenden, sondern tatsächlich einen Termin auszumachen.
Jemanden zu besuchen.
Zusammen zu essen.
Sich zu entschuldigen.
Zu sagen:
„Du bist mir wichtig.“
Ein Foto zu machen, obwohl die Haare heute angeblich unmöglich aussehen.
Den Geburtstag zu feiern.
Das gute Geschirr aus dem Schrank zu holen.
Und manchmal einfach noch zehn Minuten sitzen zu bleiben, obwohl eigentlich schon wieder irgendetwas erledigt werden müsste.
Denn vielleicht warten wir viel zu oft auf den besonderen Moment.
Und merken dabei nicht:
Der besondere Moment sitzt gerade mit uns am Küchentisch.
Ich höre bei Lebensfeiern erstaunlich selten von Dingen
Natürlich erzählen Angehörige auch von Häusern.
Von Berufen.
Von Reisen.
Von Erfolgen.
Das gehört zu einem Leben.
Aber wisst ihr, welche Geschichten plötzlich unglaublich wichtig werden?
Die kleinen.
Wie jemand morgens seinen Kaffee getrunken hat.
Welchen Spruch er immer gemacht hat.
Dass sie sonntags zusammen gefrühstückt haben.
Dass er beim Autofahren grundsätzlich falsch gesungen hat.
Dass sie immer angerufen hat, wenn sie gut angekommen war.
Dass niemand seinen Kartoffelsalat so hinbekommt wie er.
Dass sie sich jeden Abend eine gute Nacht gewünscht haben.
Kleinigkeiten.
Völlig unspektakuläre Dinge.
Und plötzlich sind genau sie unbezahlbar.
Das beschäftigt mich.
Denn vielleicht besteht unser Leben viel weniger aus den großen Höhepunkten, als wir glauben.
Vielleicht besteht es hauptsächlich aus ganz normalen Tagen.
Vielleicht liebe ich deshalb meine Trauungen so sehr
Da sitzen zwei Menschen vor mir und sagen im Grunde:
Mit dir möchte ich meine normalen Tage verbringen.
Natürlich feiern wir an diesem Tag die große Liebe.
Es gibt schöne Kleidung.
Musik.
Blumen.
Gäste.
Vielleicht Tränen.
Ganz sicher Lachen.
Aber eine Ehe besteht später nicht hauptsächlich aus Hochzeitstagen.
Sie besteht aus Montagen.
Einkaufen.
Wäsche.
Zu wenig Schlaf.
Urlaub.
Kranksein.
Blöden Diskussionen.
Kaffee.
Nach Hause kommen.
Und diesem einen Menschen, bei dem man irgendwann denkt:
Mit dir möchte ich genau diesen ganzen normalen Wahnsinn.
Vielleicht ist Liebe genau deshalb so groß.
Weil sie sich im Alltag beweisen darf.
Und dann gibt es diese kleinen Menschen, bei denen noch alles „irgendwann“ ist
Bei meinen Kinderwillkommensfesten ist es genau andersherum.
Da liegt manchmal ein kleiner Mensch vor mir, der noch keine Ahnung davon hat, was dieses Leben alles mit ihm vorhat.
Der erste Schultag.
Die erste große Freundschaft.
Der erste Liebeskummer.
Reisen.
Entscheidungen.
Fehler.
Liebe.
Vielleicht irgendwann eine eigene Familie.
Alles liegt noch vor ihm.
Und die Erwachsenen schauen diesen kleinen Menschen an und wünschen ihm im Grunde nur:
Hab ein gutes Leben.
Kein perfektes.
Ein gutes.
Vielleicht berührt mich genau deshalb die Verbindung zwischen all meinen Zeremonien so sehr.
Bei dem einen Menschen liegt fast das ganze Leben noch vor ihm.
Zwei andere entscheiden sich, es miteinander zu teilen.
Und bei einer Lebensfeier schauen wir darauf zurück.
Anfang. Mittendrin. Abschied.
Und ich darf Menschen an all diesen Punkten begegnen.
Natürlich verändert das meinen Blick auf mein eigenes Leben.
Ich möchte trotzdem ein Morgen haben
Ich möchte diesen Artikel nicht mit:
„Lebt jeden Tag, als wäre es euer letzter!“
beenden.
Ganz ehrlich?
Das möchte ich gar nicht.
Wenn heute mein letzter Tag wäre, würde ich wahrscheinlich einiges anders machen.
Aber ich kann nicht jeden Dienstag leben, als müsste ich bis Mitternacht noch sämtliche Lebensträume abarbeiten.
Wir brauchen Zukunft.
Wir brauchen Pläne.
Vorfreude.
Träume.
Ein:
„Nächstes Jahr machen wir das.“
Daran ist überhaupt nichts falsch.
Ich möchte mich auf morgen freuen dürfen.
Ich möchte Dinge planen, die vielleicht erst in zwei Jahren passieren.
Ich möchte davon ausgehen, dass noch ganz viele normale Tage vor mir liegen.
Ich möchte nur nicht vergessen, dass heute auch einer davon ist.
Vielleicht ist heute gar nichts Besonderes
Vielleicht passiert heute nichts, worüber du in zehn Jahren erzählen wirst.
Du gehst arbeiten.
Du kaufst ein.
Du kochst etwas.
Du räumst die Küche auf.
Du gehst mit dem Hund raus.
Du sitzt mit jemandem am Tisch.
Du telefonierst.
Du lachst über irgendeinen Blödsinn.
Ein ganz normaler Tag.
Aber vielleicht sitzt heute Abend jemand neben dir, dessen Stimme du irgendwann einmal wahnsinnig vermissen wirst.
Vielleicht nervt dich heute eine Angewohnheit, für die du irgendwann alles geben würdest, sie noch einmal erleben zu dürfen.
Vielleicht ist genau dieser völlig unspektakuläre Donnerstag später eine dieser Erinnerungen, von denen jemand zu mir sagt:
„Sandra, genau das fehlt mir so.“
Und seit ich diesen Beruf mache, denke ich immer häufiger:
Scheiße, ist das Leben eigentlich kostbar.
Nicht nur die großen Tage.
Nicht nur Hochzeiten.
Geburten.
Jubiläen.
Reisen.
Das dazwischen.
Der ganze unspektakuläre Kram, den wir Alltag nennen.
Also ja – ich werde weiterhin „irgendwann“ sagen
Ich werde Dinge verschieben.
Ich werde Zeit verschwenden.
Ich werde mich über Sachen ärgern, bei denen ich zwei Tage später selbst nicht mehr weiß, warum.
Ich werde ganz sicher nicht jeden Sonnenuntergang ehrfürchtig betrachten.
Ich möchte mein Leben schließlich leben und nicht permanent dabei zusehen, wie ich es lebe.
Aber vielleicht möchte ich ein bisschen vorsichtiger mit diesem kleinen Wort werden.
Irgendwann.
Vor allem dann, wenn es um Menschen geht.
Wenn mir jemand fehlt.
Wenn ich jemanden sehen möchte.
Wenn ich etwas sagen möchte.
Wenn mir etwas wirklich wichtig ist.
Dann möchte ich mich öfter fragen:
Warum eigentlich irgendwann?
Denn irgendwann ist keine Zusage.
Irgendwann steht in keinem Kalender.
Und irgendwann hat uns niemand versprochen.
Wir sind nicht in der Generalprobe.
Wir sitzen nicht im Wartezimmer und warten darauf, dass unser richtiges Leben endlich beginnt.
Wir sind schon mittendrin.
Heute.
An diesem völlig normalen Tag.
Und vielleicht ist genau das etwas, das mir all die Menschen, deren Geschichten ich hören durfte, beigebracht haben:
Wir müssen nicht jeden Tag zu etwas Besonderem machen.
Aber wir sollten die Menschen, die uns besonders sind, nicht ständig auf irgendwann verschieben.
Denn aus „irgendwann“ soll möglichst oft eine Erinnerung werden.
Und nicht ein „Hätten wir doch“.
Eure Sandra
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