Wenn selbst mir die Worte fehlen …
Wenn selbst mir die Worte fehlen
Wie fühlt es sich an, als Rednerin ein Sternenkind zu verabschieden?
Es gibt Anfragen, bei denen ich auf mein Handy schaue, lese – und erst einmal schlucken muss.
„Unser Baby ist gestorben.“
Auch nach all den Lebensfeiern, die ich inzwischen begleiten durfte, sind das Worte, die etwas mit mir machen.
Dann bekomme ich Herzklopfen.
Nicht, weil ich Angst vor dieser Aufgabe habe.
Sondern weil ich weiß, was hinter dieser einen Nachricht steht.
Da sind Eltern, die sich bis vor Kurzem noch auf ihr Baby gefreut haben.
Vielleicht war dieses Kind ein lang ersehnter Herzenswunsch.
Da wurden Namen überlegt.
Kleine Kleidungsstücke gekauft.
Vielleicht steht zu Hause schon ein Kinderwagen.
Ein Bettchen.
Ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer.
Da gab es Vorstellungen davon, wie dieses neue Leben aussehen würde.
Die erste Nacht zu Hause.
Das erste Lächeln.
Die ersten Schritte.
Der erste Geburtstag.
Und plötzlich geht es nicht mehr darum, ein Kind auf dieser Welt willkommen zu heißen.
Sondern darum, Abschied zu nehmen.
Wie findet man dafür Worte?
Vor dem ersten Gespräch habe auch ich Herzklopfen
Ich begleite trauernde Menschen.
Ich begleite verwaiste Eltern.
Und trotzdem wird eine solche Anfrage für mich niemals Routine werden.
Und das soll sie auch niemals.
Vor dem ersten Kontakt mit den Eltern habe ich Herzklopfen.
Ich überlege:
Wie beginne ich dieses Gespräch?
Was brauchen diese Menschen gerade?
Was kann ich ihnen abnehmen?
Wo kann ich ihnen Halt geben?
Und gleichzeitig weiß ich etwas ganz Wichtiges:
Ich kann nicht wissen, wie sich genau ihr Schmerz anfühlt.
Auch wenn ich selbst Trauer und Verlust kenne.
Auch wenn ich Mutter von zwei inzwischen großen Kindern bin.
Dieser Schmerz gehört diesen Eltern.
Deshalb werde ich ihnen niemals erzählen, dass ich genau weiß, wie sie sich fühlen.
Aber ich kann zuhören.
Ich kann aushalten.
Und ich kann versuchen herauszufinden, was sie jetzt von mir brauchen.
Wie schreibt man über ein Leben, das noch gar nicht richtig beginnen durfte?
Bei einer Lebensfeier erzählen mir Angehörige normalerweise von einem ganzen Leben.
Von Kindheit und Jugend.
Von Liebe und Familie.
Von Urlauben, Macken, Lieblingsliedern, Freundschaften und all den kleinen Geschichten, bei denen während unseres Gesprächs zwischen den Tränen plötzlich wieder gelacht wird.
Bei einem Sternenkind kann all das fehlen.
Manchmal ist dieses kleine Leben schon vor der Geburt zu Ende gegangen.
Manchmal während der Geburt.
Manchmal kurz danach.
Und dann sitze ich vor einem leeren Blatt und frage mich:
Wie schreibe ich die Lebensgeschichte eines Menschen, der noch gar keine Erinnerungen sammeln durfte?
Irgendwann habe ich verstanden:
Vielleicht gibt es noch keine lange Lebensgeschichte.
Aber es gibt längst eine Liebesgeschichte.
Und genau dort beginne ich.
Vielleicht bei einem positiven Schwangerschaftstest.
Bei diesem ungläubigen Blick auf zwei kleine Striche.
Bei der Nachricht:
Wir bekommen ein Baby.
Bei der Freude.
Bei den ersten Ultraschallbildern.
Bei diesem winzigen Herzen, das plötzlich auf einem Bildschirm schlägt.
Bei den ersten Bewegungen im Bauch.
Bei ungewöhnlichen Schwangerschaftsgelüsten, über die man später wahrscheinlich noch oft gelacht hätte.
Bei einem Namen.
Bei der Frage, wem dieses Kind wohl einmal ähnlich sehen würde.
Bei einer Hand, die immer wieder über den wachsenden Bauch streicht.
Und bei all den Träumen, die Eltern für ihr Kind haben, lange bevor sie es zum ersten Mal im Arm halten.
Auch das ist seine Geschichte.
Vielleicht eine viel zu kurze.
Aber niemals eine bedeutungslose.
Und dann steht da dieser kleine Sarg
Auf diesen Moment kann ich mich vorbereiten.
Und trotzdem trifft er mich.
Ein kleiner Sarg sieht einfach falsch aus.
Da sollte kein kleiner Sarg stehen.
Da sollte irgendwann ein Kinderwagen stehen.
Ein Hochstuhl.
Ein Schulranzen.
Ein Fahrrad, das ständig irgendwo im Weg herumliegt.
Später vielleicht ein Paar riesige Schuhe im Flur und Eltern, die sich fragen, wann dieses Kind eigentlich so groß geworden ist.
Da sollten Geburtstagskerzen ausgepustet werden.
Knie aufgeschlagen werden.
Türen geknallt werden.
Da sollte gelacht, gestritten, getröstet und gelebt werden.
Aber nicht dieser kleine Sarg.
Wenn ich davorstehe, empfinde ich tiefes Mitgefühl.
Und großen Respekt vor diesen Eltern.
Denn während ich dort für eine gewisse Zeit meine Aufgabe habe, müssen sie etwas tun, wofür es eigentlich keine richtigen Worte gibt:
Sie müssen sich von ihrem Kind verabschieden.
Von ihrem Baby.
Und gleichzeitig von einer Zukunft, die sie längst begonnen hatten, sich auszumalen.
Darf eine Trauerrednerin selbst eine Träne im Auge haben?
Ja.
Ich finde schon.
Ich bin Rednerin.
Aber ich bin zuerst einmal Mensch.
Und ich bin selbst Mutter.
Natürlich gibt es Momente, die auch mich treffen.
Manchmal merke ich während einer Rede, dass meine Stimme kurz stockt.
Dann halte ich inne.
Atme.
Sammle mich.
Und manchmal steht eben auch mir eine Träne im Auge.
Das darf sein.
Ich glaube nicht, dass mich das weniger professionell macht.
Ich glaube, es macht mich menschlich.
Meine Aufgabe ist nicht, völlig unberührt einen vorbereiteten Text vorzulesen.
Aber genauso wenig sollen Angehörige das Gefühl bekommen, jetzt mich trösten zu müssen.
Ich bin für sie da.
Das ist für mich der Unterschied.
Ich darf berührt sein.
Und trotzdem muss ich Halt geben können.
Für diese Worte gibt es keine zweite Chance
Das empfinde ich bei jeder Lebensfeier.
Ein Mensch wird nur einmal verabschiedet.
Deshalb kann ich nicht sagen:
„Beim nächsten Mal mache ich es besser.“
Es gibt kein nächstes Mal.
Ich habe diese eine Chance, diesem Menschen gerecht zu werden.
Bei einem Sternenkind spüre ich diese Verantwortung noch einmal auf eine ganz besondere Weise.
Ich möchte nichts schönreden.
Ich möchte keine Erklärung dafür suchen, warum etwas passiert ist, für das es vielleicht überhaupt keine Erklärung gibt.
Und ich möchte Eltern ganz sicher nicht erzählen, dass „alles einen Sinn“ hat.
Manches ist einfach nur unfassbar traurig.
Und dann darf es auch genau so benannt werden.
Aber zwischen all dieser Trauer möchte ich etwas sichtbar machen:
Dieses Kind war da.
Es hatte einen Namen.
Es wurde erwartet.
Es wurde geliebt.
Es gab Hoffnungen.
Vorstellungen.
Träume.
Vielleicht war dieses kleine Leben nur wenige Monate im Bauch seiner Mama.
Vielleicht waren es Stunden auf dieser Welt.
Vielleicht durfte dieses Kind ein oder zwei Jahre bleiben und bereits Erinnerungen mit seiner Familie sammeln.
Aber die Länge eines Lebens entscheidet nicht darüber, wie groß die Liebe zu einem Menschen sein darf.
Was kann ich Eltern an einem solchen Tag überhaupt geben?
Über diese Frage habe ich lange nachgedacht.
Und „Trost“ wäre mir als Antwort zu einfach.
Denn was könnte ich sagen, das diesen Verlust wirklich tröstet?
Wahrscheinlich nichts.
Ich kann diesen Eltern ihr Kind nicht zurückgeben.
Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist.
Und vielleicht ist genau das auch gar nicht meine Aufgabe.
Was ich aber tun kann:
Ich kann ihrem Kind an diesem Tag seinen Platz geben.
Seinen Namen aussprechen.
Nicht nur davon erzählen, dass dieses Kind gestorben ist.
Sondern davon, dass es da war.
Dass auf dieses Kind gewartet wurde.
Dass von ihm geträumt wurde.
Dass Mama und Papa Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft hatten.
Und vor allem:
Dass dieses Kind geliebt wurde.
Vielleicht können Eltern irgendwann einmal auf diesen schweren Tag zurückblicken und neben all dem Schmerz einen Gedanken mitnehmen:
Unser Kind wurde gesehen.
Unser Kind wurde beim Namen genannt.
Unsere Liebe zu ihm hatte einen Platz.
Mehr kann ich nicht versprechen.
Aber vielleicht ist genau das manchmal sehr viel.
Wenn ich danach nach Hause fahre
Mit dem letzten Wort meiner Rede endet eine solche Lebensfeier für mich nicht einfach im Kopf.
Natürlich nehme ich Gedanken mit nach Hause.
Ich denke an die Eltern.
An dieses Kind.
An das Leben, das sich diese Familie vorgestellt hatte.
Und manchmal denke ich an dieses Kinderzimmer.
Vielleicht steht dort alles bereit.
Kleine Kleidung liegt im Schrank.
Das Bettchen ist aufgebaut.
Vielleicht steht irgendwo schon eine Packung Windeln.
All diese ganz normalen Dinge, die vor wenigen Tagen noch für Vorfreude standen.
Und plötzlich tun sie weh.
Solche Gedanken schalte ich nicht an der Friedhofstür aus.
Und ganz ehrlich?
Ich möchte das auch gar nicht vollständig können.
Denn wenn mich der Anblick eines kleinen Sarges irgendwann überhaupt nicht mehr berühren würde, wenn ich eine solche Rede halten und anschließend einfach zur Tagesordnung übergehen könnte –
dann wäre für mich vermutlich der Zeitpunkt gekommen, diesen Beruf nicht mehr auszuüben.
„Sandra, warum tust du dir das an?“
Diese Frage könnte man mir stellen.
Warum begleite ich Menschen in Situationen, von denen ich weiß, dass sie auch etwas mit mir machen?
Warum stelle ich mich vor einen kleinen Sarg?
Warum höre ich Geschichten, von denen manche noch lange in meinen Gedanken bleiben?
Meine Antwort ist:
Weil genau dann jemand da sein muss.
Wenn das eigene Leben innerhalb eines Augenblicks auseinanderbricht, weiß man manchmal selbst nicht mehr, wo vorne und hinten ist.
Wie soll man einen Abschied planen, wenn man doch eigentlich ein Willkommen geplant hatte?
Wie soll man Entscheidungen treffen, wenn man kaum begreifen kann, was passiert ist?
Wie soll man Worte finden, wenn man selbst keine mehr hat?
Dann finde ich sie.
Nicht, weil ich stärker bin.
Nicht, weil ich Trauer besser kann.
Sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich das eigene Leben von jetzt auf nachher verändert.
Ich kenne Trauer.
Ich kenne Verlust.
Und ich kenne dieses Gefühl, sich in einer schweren Zeit jemanden an seiner Seite zu wünschen, der nicht versucht, alles mit klugen Sätzen wieder in Ordnung zu bringen.
Sondern einen Menschen, der einfach weiß:
Jetzt gehe ich ein Stück mit.
Vielleicht ist genau das meine Berufung.
Ich darf bei den schönsten Momenten des Lebens dabei sein.
Bei einem Ja.
Bei einem Willkommen.
Aber eben auch dort, wo das Leben eine Wendung nimmt, die sich niemand ausgesucht hätte.
Und gerade dort möchte ich nicht wegschauen.
Ein Sternenkind hat vielleicht keine lange Lebensgeschichte.
Aber es hat eine Geschichte.
Sie beginnt mit Hoffnung.
Mit Vorfreude.
Mit Träumen.
Mit einer Hand auf einem wachsenden Bauch.
Vielleicht mit einem Namen, der schon lange vor der Geburt ausgesprochen wurde.
Und vor allem beginnt sie mit Liebe.
Eine Liebe, die nicht dadurch kleiner wird, dass dieses Leben viel zu kurz war.
Wenn Eltern mir diese Geschichte anvertrauen, weiß ich, welche Verantwortung darin liegt.
Dann stehe ich dort.
Mit Herzklopfen.
Manchmal mit einer Träne in den Augen.
Aber immer mit einem Gedanken:
Heute erzählen wir nicht nur davon, dass ein Kind gestorben ist.
Heute erzählen wir davon, dass dieses Kind da war.
Dass es erwartet wurde.
Dass von ihm geträumt wurde.
Dass es einen Platz in dieser Familie hat.
Und dass es geliebt wird.
Nicht nur bis zu diesem Abschied.
Sondern ein Leben lang. ❤️
Eure Sandra
Wenn ihr euer Kind verabschieden müsst und gerade selbst keine Worte dafür findet, dürft ihr euch bei mir melden.
Ihr müsst nicht wissen, wie eine Lebensfeier aussehen soll oder was jetzt „richtig“ ist.
Wir finden gemeinsam einen Abschied, der eurem Kind und eurer Liebe zu ihm einen Platz gibt.
Als mein Bruder starb, starb auch ein Teil von mir.
Als mein Bruder starb, starb auch ein Teil von mir. 🤍
Ich erzähle euch heute etwas sehr Persönliches.
Nicht als Trauerbegleiterin.
Sondern als Schwester.
Es gibt einen Tag in meinem Leben, den ich niemals vergessen werde.
Ich war mit unserem Hund draußen.
Und die Krähen schrien.
Laut. Ungewöhnlich laut.
Jahre zuvor hatte eine alte Frau einmal zu mir gesagt:
„Wenn die Krähen so schreien, muss ein Mensch gehen.“
Ob man daran glaubt oder nicht – dieser Satz war plötzlich wieder da.
Und mein erster Gedanke war:
Bitte nicht Papa.
Mein Vater lag zu dieser Zeit bereits im Sterben.
Also dachte ich natürlich an ihn.
Ich hatte Angst, dass er gegangen war.
Aber mein Vater war es nicht.
Als ich nach Hause kam, klingelte das Telefon.
Und dann kam dieser Anruf.
Nicht mein Vater war gegangen.
Mein Bruder hatte sich das Leben genommen.
Ich weiß noch heute genau, was danach passierte.
Ich sackte zusammen.
Ich schrie.
Ich schlug mir immer wieder auf den Oberschenkel und brachte eigentlich nur noch drei Worte heraus:
„Nein. Nein. Nein.“
Es konnte nicht stimmen.
Es durfte nicht stimmen.
Das musste ein böser Traum sein.
Mein Bruder sollte doch nicht gehen.
Und dann kamen die Fragen.
Warum?
Warum hast du mich allein gelassen?
Warum hast du nicht mit mir geredet?
Warum konnte ich dir nicht helfen?
Ich war wütend auf ihn.
Und gleichzeitig liebte ich ihn so sehr.
Dann kamen die Schuldgefühle.
Hätte ich etwas merken müssen?
Hätte ich etwas anders machen können?
Warum hast du mich nicht zu dir gelassen?
Diese Fragen können einen Menschen auffressen.
Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel geweint wie nach dem Suizid meines Bruders.
Nach außen funktionierte ich irgendwie.
Innerlich starb etwas mit.
Vier Tage später starb auch mein Vater.
Aber dass mein Bruder wirklich niemals wiederkommen würde, begriff ich erst nach und nach.
An seinem Grab.
Und danach im Alltag.
Als plötzlich seine täglichen WhatsApp-Nachrichten fehlten.
Kein Bruder mehr, den ich einfach fragen konnte.
Kein Mensch mehr, dem ich blind vertrauen konnte.
Mein Bruder war mein Held.
Er war der Mensch, von dem ich wusste:
Der ist da.
Und plötzlich war genau dieser Mensch nicht mehr da.
Sein Tod hat etwas Grundsätzliches in mir verändert.
Ich habe danach schwerer vertraut.
Aber ich habe auch eine Entscheidung getroffen:
Ich werde mein Leben nicht so leben, wie ich es eigentlich gar nicht leben möchte.
Ich habe mein Leben verändert.
Heute begleite ich selbst Menschen in ihren schlimmsten Zeiten.
Ich habe mich weitergebildet, gerade auch für schwierige Trauer und Trauer nach Suizid.
Ich weiß heute vieles, was ich damals nicht wusste.
Ich verstehe heute manches, was ich damals nicht verstehen konnte.
Aber eines hat sich durch all dieses Wissen nicht verändert:
Ich bin seine Schwester.
Und ich vermisse ihn.
Bis heute.
Denn wer außer ihm könnte mir jemals genau das geben, was er mir gegeben hat?
Wer könnte diesen Platz einnehmen?
Niemand.
Vielleicht muss das auch niemand.
Denn manche Menschen hinterlassen keinen Platz, den wir irgendwann neu besetzen.
Sie hinterlassen einen Platz, der für immer ihrer bleibt.
Und wenn ich meinem Bruder heute eine einzige Frage stellen dürfte, wäre es wahrscheinlich noch immer dieselbe:
Warum?
Warum konntest du nicht mit mir reden?
Warum konnte ich dir nicht helfen?
Und danach würde ich ihm sagen:
Du fehlst mir.
Als mein Bruder starb, starb ein Teil von mir mit.
Aber genauso wahr ist:
Ein Teil von ihm lebt seit diesem Tag in mir weiter. 🤍
Wenn die Blumen längst verwelkt sind …
Am Anfang sind sie alle da.
Das Telefon klingelt.
Nachrichten kommen.
Blumen werden gebracht.
Menschen fragen:
„Kann ich irgendetwas für dich tun?“
Dann kommt die Trauerfeier.
Noch einmal sind viele Menschen da. Es gibt Umarmungen, Tränen, liebe Worte und Erinnerungen.
Und irgendwann gehst du nach Hause.
Die Blumen stehen noch da.
Die Karten auch.
Aber nach und nach kehrt bei den anderen wieder Alltag ein.
Und genau das kenne ich selbst.
Ich habe in meinem Leben Menschen verloren, die mir unglaublich wichtig waren.
Ich kenne diese Tage, an denen man irgendwie funktioniert.
Man regelt Dinge, beantwortet Nachrichten, trifft Entscheidungen und macht weiter, weil man eben weitermachen muss.
Und dann wird es irgendwann ruhiger.
Die Blumen verwelken.
Das Telefon klingelt seltener.
Die Menschen um dich herum gehen wieder arbeiten, planen ihren Urlaub, erzählen von ihrem Wochenende.
Das Leben geht weiter.
Nur das eigene fühlt sich noch lange nicht danach an.
Ich weiß noch, wie sich das angefühlt hat
Manchmal waren es gar nicht die großen Momente.
Es waren die kleinen.
Ein Lied.
Ein Geruch.
Ein Gegenstand.
Ein Satz.
Etwas völlig Banales, das plötzlich eine Erinnerung ausgelöst hat.
Und innerhalb von Sekunden war alles wieder da.
Ich habe selbst erlebt, dass Trauer sich nicht an einen Kalender hält.
Es gibt keinen Tag, an dem jemand kommt und sagt:
„So Sandra, jetzt hast du genug getrauert.“
Und trotzdem hat man manchmal das Gefühl, irgendwann wieder funktionieren zu müssen.
Man möchte andere nicht belasten.
Man sagt vielleicht:
„Es geht schon.“
Obwohl es überhaupt nicht geht.
Auch das kenne ich.
Was mir damals manchmal gefehlt hat
Rückblickend weiß ich heute:
Ich hätte in manchen Momenten keinen Menschen gebraucht, der mir erklärt, wie Trauer funktioniert.
Ich brauchte keine schlauen Sätze.
Kein:
„Du musst nach vorne schauen.“
Kein:
„Die Zeit heilt alle Wunden.“
Und ganz sicher kein:
„Du musst loslassen.“
Ich hätte manchmal einfach jemanden gebraucht, bei dem ich nichts erklären muss.
Jemanden, der zuhört.
Auch wenn ich dieselbe Geschichte zum fünften Mal erzähle.
Jemanden, bei dem der Name des Menschen, der gestorben ist, weiter ausgesprochen werden darf.
Denn das habe ich selbst gespürt:
Nur weil ein Mensch gestorben ist, möchte man nicht plötzlich aufhören, über ihn zu sprechen.
Im Gegenteil.
Manchmal möchte man genau das.
Erzählen.
Erinnern.
Lachen.
Weinen.
Und vielleicht fünf Minuten später wieder lachen.
Heute sitze ich auf der anderen Seite
Heute begleite ich selbst Menschen in ihrer Trauer.
Und vielleicht mache ich manches gerade deshalb so, wie ich es mache.
Weil ich weiß, wie sich diese andere Seite anfühlt.
Wenn jemand bei mir sitzt, muss ich ihm nicht erklären, wie er jetzt zu trauern hat.
Wer wäre ich denn, das zu bestimmen?
Jeder Mensch trauert anders.
Der eine möchte reden.
Der andere schweigt erst einmal.
Manche Menschen sind unendlich traurig.
Andere sind wütend.
Manche fühlen Schuld.
Und manchmal sitzt mir jemand gegenüber und lacht über eine herrliche Geschichte des Verstorbenen – und bekommt im nächsten Moment Tränen in die Augen.
Das ist kein Widerspruch.
Das ist Trauer.
Es fehlt manchmal viel mehr als nur ein Mensch
Das habe ich durch meine eigenen Verluste und später durch meine Arbeit noch einmal ganz anders verstanden.
Mit einem Tod verschwindet nicht nur ein geliebter Mensch aus dem Alltag.
Manchmal bricht eine ganze Ordnung weg.
Wer kümmert sich jetzt um Dinge, die immer der andere gemacht hat?
Wo sind Unterlagen?
Welche Verträge gibt es?
Wie geht es finanziell weiter?
Wie funktioniert plötzlich ein Alltag, den man jahrelang zu zweit gelebt hat?
Und während im Kopf hundert Fragen kreisen, versucht das Herz überhaupt erst zu begreifen:
Dieser Mensch kommt wirklich nicht zurück.
Deshalb kann Trauerbegleitung für mich auch bedeuten, erst einmal gemeinsam dieses riesige Durcheinander zu sortieren.
Nicht das ganze Leben auf einmal.
Vielleicht einfach nur das, was heute gerade schwer ist.
Und irgendwann habe ich etwas verstanden
Ich glaube heute nicht mehr daran, dass wir einen geliebten Menschen „loslassen“ müssen.
Warum eigentlich?
Ich habe Menschen verloren, die zu meinem Leben gehören.
Sie gehören auch heute noch dazu.
Anders.
Aber sie sind Teil meiner Geschichte.
Ich kann an sie denken und traurig sein.
Ich kann über sie erzählen und lachen.
Ich kann sie vermissen und trotzdem einen wunderschönen Tag haben.
Das musste auch ich lernen:
Weiterleben bedeutet nicht vergessen.
Und wieder glücklich zu sein bedeutet nicht, einen Menschen weniger geliebt zu haben.
Vielleicht verändert Trauer irgendwann einfach ihre Form.
Der Schmerz steht nicht mehr jeden Tag mitten im Raum.
Die Erinnerung bekommt mehr Platz.
Und irgendwann schafft man es vielleicht, zurückzuschauen und neben den Tränen auch wieder zu sehen:
Wie schön, dass dieser Mensch Teil meines Lebens war.
Vielleicht bin ich genau deshalb heute hier
Als ich angefangen habe, als Trauerrednerin zu arbeiten, ging es zunächst um den Abschied.
Um eine Lebensgeschichte.
Um die letzten Worte bei einer Trauerfeier.
Aber ich habe schnell gemerkt:
Für die Angehörigen endet die Geschichte dort nicht.
Eigentlich beginnt danach etwas ganz Neues.
Ein Leben, das man sich so nicht ausgesucht hat.
Und genau da schließt sich für mich ein Kreis.
Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch fehlt.
Ich weiß, wie es ist, wenn es nach den ersten Wochen um einen herum stiller wird.
Und ich weiß heute auch, was ich mir damals manchmal gewünscht hätte:
Einen Menschen an meiner Seite, der nicht versucht, meine Trauer wegzumachen.
Sondern der sie einfach mit mir aushält.
Vielleicht bin ich genau deshalb heute Trauerbegleiterin.
Nicht, weil ich auf alles eine Antwort habe.
Die habe ich nicht.
Sondern weil ich aus eigener Erfahrung weiß:
Manchmal braucht es gar keine Antwort.
Manchmal braucht es einfach einen Menschen.
Und heute kann ich für andere genau dieser Mensch sein.
Wenn die Blumen längst verwelkt sind. ❤️
Eure Sandra
Darüber spricht man nicht. – Wenn Trauer keine einfache Geschichte hat
Darüber spricht man nicht. – Wenn Trauer keine einfache Geschichte hat
Es gibt Verluste, über die Menschen offen sprechen.
Und es gibt Verluste, bei denen plötzlich alles leiser wird.
Weil ein Wort fällt, das etwas verändert.
Alkohol.
Drogen.
Suizid.
Abhängigkeit.
Und manchmal verändert sich in genau diesem Moment nicht nur die Geschichte des Verstorbenen.
Auch die Trauer der Hinterbliebenen bekommt plötzlich Blicke, Fragen und Urteile.
Als müsste man erst erklären, warum man diesen Menschen trotzdem geliebt hat.
Als müsste Trauer sich rechtfertigen.
Aber Trauer braucht keine perfekte Geschichte.
Sie braucht einen Platz, an dem die Wahrheit sein darf.
„Ich sage manchmal nicht, woran du gestorben bist.“
Nicht, weil ich mich für dich schäme.
Sondern weil ich Angst davor habe, was aus dir wird, sobald ich das Wort Alkohol ausspreche.
Plötzlich bist du nicht mehr der Mensch, der geliebt wurde.
Nicht mehr der Mensch, mit dem ich gelacht, gestritten, gehofft und gelebt habe.
Plötzlich bist du nur noch:
„Der Alkoholiker.“
Und dann kommen diese Blicke.
Dieses Schweigen.
Manchmal sogar ein:
„Naja … er hat ja getrunken.“
Ja.
Du warst abhängig.
Und nein – ich werde die Sucht nicht schönreden.
Sie hat Dinge verändert.
Sie hat verletzt.
Sie hat vielleicht Vertrauen zerstört, Versprechen gebrochen und aus Liebe manchmal Verzweiflung gemacht.
Aber sie war nicht alles, was du warst.
Du hattest einen Namen.
Ein Lachen.
Eine Geschichte.
Menschen, die dich geliebt haben.
Ich habe keinen Alkoholiker verloren. Ich habe meinen Menschen verloren.
Und meine Trauer darf kompliziert sein.
Ich darf dich vermissen und gleichzeitig wütend auf dich sein.
Ich darf dich lieben und hassen, was die Sucht mit dir und mit uns gemacht hat.
Ich darf traurig sein.
Vielleicht sogar erleichtert.
Und ich muss mich für keines dieser Gefühle schämen.
Denn deine Sucht war nicht meine Schuld.
„Selbst schuld.“
Vielleicht hat es niemand genau so gesagt.
Aber manchmal kann man es in Blicken lesen.
„Er hat doch gewusst, was Drogen mit ihm machen.“
Ja.
Vielleicht wusste er es.
Vielleicht wusste ich es auch.
Ich habe geredet.
Gebettelt.
Gehofft.
War wütend.
Ich habe geglaubt, diesmal wird alles anders.
Und irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, ob ich helfen, kämpfen, loslassen oder einfach nur noch weglaufen soll.
Denn einen Menschen mit einer Sucht zu lieben, kann verdammt weh tun.
Aber nach seinem Tod kann noch etwas anderes weh tun:
Wenn aus einem ganzen Leben plötzlich nur noch ein einziges Wort wird.
Drogen.
Als wäre damit alles über diesen Menschen gesagt.
Als wäre sein Tod nur die logische Konsequenz.
Und als wäre die Trauer der Hinterbliebenen deshalb weniger wert.
Aber Menschen erinnern sich nicht an Diagnosen.
Sie erinnern sich an Menschen.
An ein Lachen.
An die Zeit vor der Sucht.
An Momente, in denen der vertraute Mensch plötzlich wieder da war.
Und an all die Male, in denen sie gehofft haben:
Bitte komm zurück.
Vielleicht war da Wut.
Vielleicht ist sie sogar heute noch da.
Aber da war auch Liebe.
Und niemand sollte erklären müssen, warum.
Liebe allein kann eine Sucht nicht für einen anderen Menschen besiegen.
Nicht dadurch, dass man bleibt.
Nicht dadurch, dass man kämpft.
Nicht dadurch, dass man immer noch mehr hofft.
Sein Tod ist nicht der Beweis dafür, dass die Menschen um ihn herum versagt haben.
Und seine Sucht macht aus ihm keinen schlechten Menschen.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:
„Warum hat er das gemacht?“
Und öfter:
„Wer war er, bevor die Sucht so laut wurde?“
„Vielleicht hätte ich mehr tun müssen.“
Dieser Satz kann Hinterbliebene nachts wachhalten.
Vielleicht hätte ich früher merken müssen, wie schlecht es dir geht.
Vielleicht hätte ich öfter anrufen müssen.
Mehr zuhören.
Mehr kämpfen.
Vielleicht hätte ich nicht so wütend sein dürfen.
Vielleicht hätte ich dich nicht vor die Tür setzen dürfen.
Vielleicht hätte ich dieses eine Mal doch noch hinfahren sollen.
Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.
Nach einem Tod beginnt das Gehirn manchmal, die gemeinsame Geschichte rückwärts abzuspielen.
Auf der Suche nach diesem einen Moment.
Dieser einen Entscheidung.
Dieser einen Stelle, an der vielleicht alles hätte anders werden können.
Und im Nachhinein sieht plötzlich vieles aus wie ein Zeichen.
Ein Satz.
Ein Blick.
Ein Anruf, den man nicht angenommen hat.
Eine Nachricht, auf die man erst später geantwortet hat.
Dinge, die damals Alltag waren, bekommen plötzlich ein Gewicht, das sie vorher niemals hatten.
Und irgendwann lautet die Frage nicht mehr nur:
„Warum ist das passiert?“
Sondern:
„Warum habe ich es nicht verhindert?“
Vielleicht gibt es auf manche Fragen niemals eine Antwort.
Aber eines darf irgendwann wieder Raum bekommen:
Ich war ein Mensch in deinem Leben.
Ich war nicht verantwortlich für dein ganzes Leben.
Ich durfte müde sein.
Ich durfte Grenzen haben.
Ich durfte Fehler machen.
Ich durfte auch einmal nicht ans Telefon gehen.
Und vielleicht ist genau das einer der schwersten Schritte in dieser Trauer:
Nicht nur dem Verstorbenen irgendwann zu vergeben. Sondern auch sich selbst.
„Warum hast du nichts gesagt?“
Nach einem Suizid bleiben oft Fragen zurück, auf die niemand mehr antworten kann.
Warum hast du mich nicht angerufen?
Warum hast du nicht gesagt, wie schlecht es dir wirklich geht?
Warum hast du mich nicht um Hilfe gebeten?
Seit deinem Tod suche ich vielleicht nach Antworten.
In unseren letzten Gesprächen.
In Nachrichten.
In Blicken.
Ich gehe alles wieder und wieder durch und frage mich:
War da etwas, das ich hätte sehen müssen?
Vielleicht habe ich mit dir gelacht, während du innerlich längst gekämpft hast.
Vielleicht habe ich „Bis morgen“ gesagt und hatte keine Ahnung, dass es für dich kein gemeinsames Morgen mehr geben würde.
Und irgendwann bleibt diese quälende Frage:
„Hätte ich dich retten können?“
Dieses Vielleicht kann einen Menschen auffressen.
Denn wir schauen mit dem Wissen von heute auf ein Gestern, in dem wir dieses Wissen nicht hatten.
Vielleicht werden Hinterbliebene niemals vollständig verstehen, was in ihrem Menschen passiert ist.
Vielleicht sind sie wütend.
Auf ihn.
Auf sich.
Auf das Leben.
Und gleichzeitig vermissen sie ihn.
Auch das ist Trauer.
Man muss einen Suizid nicht verstehen, um einen Menschen weiterhin lieben zu dürfen.
Und irgendwann darf der Blick vielleicht wieder weiter zurückgehen.
Nicht nur auf den letzten Tag.
Sondern auf all die Tage davor.
Auf sein Lachen.
Seine Macken.
Gemeinsame Geschichten.
Auf den ganzen Menschen.
Denn die Todesursache gehört zu seiner Geschichte.
Aber sie ist nicht seine ganze Geschichte.
„Ich möchte mich nicht mehr für dich rechtfertigen müssen.“
Nicht dafür, wie du gelebt hast.
Nicht dafür, was du getan hast.
Nicht dafür, woran du gestorben bist.
Und auch nicht dafür, warum ich dich trotzdem liebe.
Vielleicht warst du abhängig.
Vielleicht hast du Menschen verletzt.
Vielleicht hast du Entscheidungen getroffen, die ich bis heute nicht verstehe.
Vielleicht hast du dir das Leben genommen.
Aber du warst ein Mensch.
Mit einem Namen.
Mit einem Lachen.
Mit guten und schlechten Seiten.
Mit einer Geschichte.
Mit Menschen, die dich geliebt haben.
Und manchmal fühlen sich Hinterbliebene, als müssten sie all das erst erklären, bevor sie überhaupt trauern dürfen.
Als müssten sie beweisen, dass dieser Mensch trotz allem liebenswert war.
Aber Trauer braucht keine Verteidigungsrede.
Man darf wütend sein und vermissen.
Man darf verletzt sein und trotzdem lieben.
Man darf manches niemals verstehen und sich trotzdem wünschen, noch einmal diese vertraute Stimme zu hören.
Das widerspricht sich nicht.
Das ist Trauer.
Und niemand muss eine Geschichte schönreden, damit die eigene Trauer einen Platz haben darf.
Denn Hinterbliebene trauern nicht um eine Sucht.
Nicht um eine Entscheidung.
Nicht um eine Todesursache.
Sie trauern um einen Menschen. Um ihren Menschen.
Vielleicht sollten wir genau darüber sprechen
Über den Menschen, der zu viel getrunken hat.
Über den Menschen, der abhängig war.
Über den Menschen, der sich das Leben genommen hat.
Über all die Geschichten, bei denen unsere Stimmen plötzlich leiser werden.
Weil wir Angst vor Blicken haben.
Vor Fragen.
Vor Urteilen.
Und manchmal sogar davor, dass jemand sagt:
„Selbst schuld.“
Aber hinter jedem dieser Tode bleiben Menschen zurück.
Eine Mutter.
Ein Vater.
Ein Partner.
Ein Kind.
Ein Freund.
Menschen, die nicht nur einen geliebten Menschen verloren haben.
Sondern manchmal auch das Gefühl, offen um ihn trauern zu dürfen.
Und genau deshalb sollten wir darüber sprechen.
Denn niemand sollte seinen Menschen erst erklären müssen, bevor er ihn vermissen darf.
Niemand sollte sich für seine Tränen schämen müssen.
Und niemand sollte glauben, die Geschichte eines anderen Menschen sei automatisch seine eigene Schuld.
Du darfst sagen, woran dein Mensch gestorben ist.
Du darfst aber auch schweigen.
Du darfst lieben.
Du darfst wütend sein.
Du darfst erleichtert sein.
Du darfst vermissen.
Und du darfst all das gleichzeitig fühlen.
Denn Trauer braucht keine perfekte Geschichte.
Trauer braucht einen Platz, an dem die Wahrheit sein darf.
Vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.
Nicht das Vergessen.
Nicht das Loslassen.
Sondern das Gefühl:
Ich muss mich nicht mehr verstecken.
Wenn deine Trauer schwierig geworden ist
Vielleicht trauerst du um einen Menschen, dessen Geschichte nicht einfach war.
Vielleicht stehen Liebe und Wut nebeneinander.
Vielleicht Schuld, Scham, Erleichterung, Sehnsucht und Fragen, für die es keine einfache Antwort gibt.
Bei mir darf all das ausgesprochen werden.
Ohne Urteil.
Ohne Rechtfertigung.
Und ohne dass du deinen Menschen erst erklären musst, bevor deine Trauer einen Platz haben darf.
Ich begleite Menschen auch dort, wo Trauer schwierig wird.
Wo Beziehungen ambivalent waren.
Wo Sucht, Suizid, Schuld oder Scham Teil der Geschichte sind.
Und wo es vielleicht einfach jemanden braucht, der bleibt, zuhört und mit aushält.
Denn auch schwierige Trauer verdient einen sicheren Platz.
Mehr über meine Trauerbegleitung erfahren
Oder schreib mir ganz persönlich eine Nachricht.
Mama. Für immer. – Wenn dein Kind stirbt, aber deine Liebe bleibt
Mama. Für immer. – Gedanken einer verwaisten Mama
Mein Kind ist gestorben.
Aber ich bin noch immer seine Mama.
Nicht: Ich war seine Mama.
Ich bin es.
Denn mit deinem Tod ist nicht meine Liebe zu dir gestorben.
Du fehlst.
In meinen Armen.
An unserem Tisch.
Auf unseren Bildern.
In all diesen kleinen Momenten, in denen ich noch immer denke:
Du solltest jetzt hier sein.
Und trotzdem bist du ein Teil meines Lebens.
Ich spreche deinen Namen aus.
Ich erzähle von dir.
Ich erinnere mich an dein Lachen, deine Eigenheiten und an diese kleinen Dinge, die vielleicht nur eine Mama niemals vergisst.
Manchmal tut Erinnern weh.
Und manchmal bringt genau dieselbe Erinnerung plötzlich ein Lächeln zurück.
Denn ich möchte nicht, dass deine Geschichte nur davon erzählt, dass du gestorben bist.
Ich möchte erzählen, dass du gelebt hast.
Dass es dich gab.
Dass du geliebt wurdest.
Dass du mein Kind bist.
Vielleicht kann ich dich nicht mehr in den Arm nehmen.
Aber niemand auf dieser Welt kann mir nehmen, was ich für immer sein werde:
Deine Mama. ❤️
Nicht gewesen.
Bin.
Heute.
Morgen.
Für immer.
Denn der Tod kann ein Leben beenden. Aber niemals die Liebe einer Mama zu ihrem Kind.
„Wie viele Kinder hast du?“
Eine ganz normale Frage.
Für dich.
Für eine verwaiste Mama manchmal nicht.
Denn für einen kurzen Moment weiß sie vielleicht nicht, was sie sagen soll.
Sage ich die Zahl der Kinder, die du sehen kannst?
Oder die Zahl der Kinder, deren Mama ich bin?
Wenn ich mein verstorbenes Kind mitzähle, kommt vielleicht die nächste Frage:
„Und wie alt sind deine Kinder?“
Dann muss ich entscheiden, ob ich einem Menschen, den ich kaum kenne, von meinem Kind erzähle.
Wenn ich es nicht mitzähle, kann es sich anfühlen, als hätte ich es für einen Moment aus unserer Familie gestrichen.
Also was ist die richtige Antwort?
Vielleicht gibt es keine.
Aber eines bleibt:
Eine Mama hat nicht plötzlich ein Kind weniger, nur weil eines ihrer Kinder gestorben ist.
Ein verstorbenes Kind ist nicht weniger ihr Kind, weil sie es nicht mehr sehen kann.
Und sie ist nicht weniger seine Mama, weil sie es nicht mehr in den Arm nehmen kann.
Manchmal wird sie von ihm erzählen.
Manchmal wird sie schweigen.
Manchmal wird sie seinen Namen sagen.
Und manchmal wird sie einfach versuchen, diese eine verdammt schwere Frage irgendwie zu beantworten.
Aber in ihrem Herzen muss sie niemals überlegen.
Da ist die Antwort immer dieselbe: Ich zähle dich mit. Immer.
Bitte sag den Namen meines Kindes
Manchmal werden Menschen vorsichtig.
Sie halten kurz inne, bevor sie den Namen eines verstorbenen Kindes aussprechen.
Manche sagen lieber gar nichts.
Vielleicht aus Angst, die Eltern traurig zu machen.
Aber den Namen auszusprechen erinnert eine verwaiste Mama nicht plötzlich daran, dass ihr Kind gestorben ist.
Das weiß sie ohnehin. Jeden einzelnen Tag.
Wenn du den Namen ihres Kindes sagst, kann etwas ganz anderes passieren:
Du zeigst ihr, dass auch du dich erinnerst.
Dass ihr Kind nicht nur in ihrem Herzen weiterlebt.
Dass da draußen noch jemand weiß, dass es diesen Menschen gegeben hat.
Denn manchmal liegt neben all der Trauer noch eine andere Angst:
Die Angst, dass irgendwann niemand mehr von diesem Kind erzählt.
Dass sein Name in keinem Gespräch mehr fällt.
Dass die Welt einfach weitergeht, als wäre es nie da gewesen.
Also sag seinen Namen.
Erzähl eine Geschichte.
Erzähl, worüber ihr gelacht habt.
Erzähl vielleicht sogar etwas, das seine Mama noch gar nicht weiß.
Und wenn dabei Tränen kommen, hab keine Angst davor.
Du hast diese Tränen nicht erschaffen.
Vielleicht hast du gerade etwas viel Wertvolleres geschenkt:
Einen Moment, in dem dieses Kind wieder mitten unter euch war.
Ich vermisse sogar Erinnerungen, die wir nie haben durften
Das klingt vielleicht im ersten Moment widersprüchlich.
Wie kann man etwas vermissen, das nie passiert ist?
Und trotzdem können Eltern genau das.
Sie vermissen nicht nur das Kind, das sie kannten.
Sie vermissen manchmal auch den Menschen, der dieses Kind noch geworden wäre.
Wie würdest du heute aussehen?
Wie würde deine Stimme klingen?
Welche Musik würdest du hören?
Worüber würden wir uns streiten?
Worüber würden wir gemeinsam Tränen lachen?
Welche Träume hättest du?
Wen würdest du lieben?
Manchmal sehen verwaiste Eltern andere Familien und plötzlich ist dieser Gedanke da:
Das hätten wir sein können.
Nicht aus Neid.
Sondern weil das Herz für einen Moment sieht, was ebenfalls verloren gegangen ist.
Denn mit dem Tod eines Kindes stirbt nicht nur Gegenwart.
Es geht auch ein Stück gemeinsamer Zukunft verloren.
All die Geburtstage.
All die ersten Male.
All die Gespräche.
Und all die völlig gewöhnlichen Tage, von denen niemand ahnt, wie kostbar sie einmal sein könnten.
Es gibt keine Fotos von diesen Momenten.
Keine Erinnerungen.
Keine Geschichten.
Und trotzdem können sie fehlen.
Weil eine Mama diese Zukunft längst mit ihrem Kind im Herzen gelebt hatte.
Wer wärst du heute geworden?
Vielleicht ist das deshalb eine der leisesten Fragen in der Trauer um ein Kind:
„Wer wärst du heute?“
Manchmal schauen Eltern Menschen an, die ungefähr im gleichen Alter sind, und stellen es sich für einen kurzen Moment vor.
So ungefähr könntest du heute sein.
Denn sie vermissen nicht nur das Kind, das einmal da war.
Sie vermissen auch den Menschen, den sie niemals kennenlernen durften.
Sie trauern um Erinnerungen, die sie hatten.
Und manchmal um all die Erinnerungen, die niemals entstehen werden.
Um Gespräche, die sie nie führen.
Um Geburtstage, an denen ihr Kind nicht älter wird.
Um dieses gemeinsame Leben, das einmal so selbstverständlich vor ihnen lag.
Und manchmal denken sie diese Zukunft trotzdem ein kleines Stück weiter.
Nicht, weil sie nicht verstanden hätten, dass ihr Kind nicht zurückkommt.
Sondern weil eine Mama sich vielleicht ihr ganzes Leben lang fragen wird:
Wer wärst du heute geworden?
Wenn das Glück anderer plötzlich wehtut
Da ist ein Kind.
Ungefähr so alt, wie das eigene heute wäre.
Es lacht.
Es wird größer.
Es lebt sein Leben.
Und plötzlich zieht sich in einer verwaisten Mama alles zusammen.
Nicht, weil sie diesem Kind sein Glück nicht gönnt.
Sondern weil sie ihr eigenes Kind darin sucht.
Würdest du heute auch so aussehen?
Würdest du gerade dasselbe erleben?
Würdest du mir davon erzählen?
Und manchmal kommt sogar dieser Gedanke:
Warum darfst du das nicht?
Man kann sich von Herzen für andere Eltern freuen und trotzdem um das eigene Kind weinen.
Man kann Kinderlachen wunderschön finden und danach im Auto sitzen und weinen.
Man kann jemandem alles Glück der Welt wünschen und sich gleichzeitig wünschen:
Nur einmal noch meines zurück.
Das ist nicht automatisch Neid.
Und es ist keine Bitterkeit.
Es ist Trauer.
Freude und Schmerz dürfen gleichzeitig existieren.
„Du hast doch noch deine anderen Kinder.“
Ein Satz, der vielleicht trösten soll.
Und trotzdem unglaublich wehtun kann.
Ja.
Da sind vielleicht weitere Kinder.
Und eine Mama liebt jedes einzelne von ihnen mit allem, was sie hat.
Aber welches ihrer Kinder soll denn bitte ein anderes ersetzen?
Liebe funktioniert nicht so.
Ein Herz ist kein Puzzle, bei dem ein fehlendes Teil einfach durch ein anderes ersetzt werden kann.
Da fehlt dieses eine Kind.
Nicht irgendein Kind.
Ihr Kind.
Und ja, eine verwaiste Mama kann wissen, wie viel Glück sie trotzdem in ihrem Leben hat.
Sie kann es sehen.
Sie kann es fühlen.
Sie kann dankbar dafür sein.
Aber Dankbarkeit macht Vermissen nicht kleiner.
Sie kann ihre Kinder, die bei ihr sind, aus tiefstem Herzen lieben und gleichzeitig um das Kind weinen, das fehlt.
Das eine nimmt dem anderen nichts weg.
Vielleicht ist genau das so schwer zu verstehen:
Eine Mama kann unendlich dankbar und gleichzeitig unendlich traurig sein.
Deshalb sag vielleicht nicht:
„Du hast doch noch …“
Sag lieber:
„Ich weiß, dass eines fehlt.“
Denn genau das tut es.
Bei Familienfotos.
An Geburtstagen.
An Weihnachten.
Und in all den Momenten, in denen eigentlich alle da sein sollten.
Eines fehlt.
Und trotzdem bleibt es für immer eines ihrer Kinder.
Die Angst, dass mein Kind vergessen wird
Vielleicht ist das eine der größten Ängste einer verwaisten Mama:
Nicht selbst zu vergessen – sondern irgendwann die Einzige zu sein, die sich erinnert.
Denn die Welt geht weiter.
Der Name fällt vielleicht seltener.
Menschen erzählen weniger Geschichten.
Neue Erinnerungen entstehen, in denen das verstorbene Kind nicht mehr vorkommen kann.
Und während die Jahre vergehen, kann irgendwann diese Frage entstehen:
Wie lange erinnert ihr euch noch an mein Kind?
Deshalb kann ein einfacher Satz so viel bedeuten:
„Weißt du noch, damals mit …?“
Oder ein Foto, das plötzlich wieder auftaucht.
Eine Nachricht am Geburtstag.
Eine gemeinsame Geschichte.
Der ausgesprochene Name.
Vielleicht kommen dabei Tränen.
Aber diese Tränen bedeuten nicht, dass du etwas falsch gemacht hast.
Sie können bedeuten:
Du hast gerade einen Menschen zurück in diesen Moment geholt, der jeden einzelnen Tag fehlt.
Und für einen Augenblick ist da die Gewissheit:
Du bist nicht nur in meinem Herzen geblieben.
Du bist auch in euren Erinnerungen noch da.
Mama bleibt Mama
Vielleicht zieht sich genau dieser Gedanke durch all diese Gefühle:
Der Tod verändert eine Beziehung. Aber er löscht sie nicht aus.
Eine Mama kann ihr Kind vielleicht nicht mehr berühren.
Sie kann es nicht mehr in den Arm nehmen.
Sie kann keine neuen gemeinsamen Erinnerungen mehr schaffen.
Aber die Liebe verschwindet deshalb nicht.
Und auch ihre Mutterschaft endet nicht an einem Grab.
Nicht gewesen.
Bin.
Heute.
Morgen.
Für immer.
Mama. Für immer. 🤍
Wenn du selbst um dein Kind trauerst
Vielleicht hast du dich in manchen dieser Gedanken wiedergefunden.
Vielleicht kennst du diese Fragen.
Vielleicht gibt es einen Namen, den du viel öfter hören möchtest.
Oder eine Zukunft, um die du genauso trauerst wie um die Vergangenheit.
Bei mir musst du deine Trauer nicht erklären, rechtfertigen oder kleiner machen.
Du darfst weinen.
Du darfst erzählen.
Du darfst erinnern.
Du darfst schweigen.
Und du darfst auch lachen, ohne dass dieses Lachen bedeutet, dass du dein Kind vergessen hast.
Ich begleite Eltern, Kinder und Familien durch Trauer und Verlust und gehe ein Stück ihres Weges mit ihnen.
Denn dein Mensch darf fehlen – und dein Leben darf irgendwann trotzdem wieder schöne Momente haben.
Mehr über meine Trauerbegleitung erfahren
Oder schreib mir ganz persönlich eine Nachricht.
„Sandra, weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
„Sandra, weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
Manchmal werde ich gefragt:
„Du bist Trauerbegleiterin – aber weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
Ja.
Leider weiß ich das.
Nicht aus einem Lehrbuch.
Nicht aus meiner Ausbildung.
Sondern weil das Leben selbst mir gezeigt hat, wie sich ein einziger Moment zwischen ein Davor und ein Danach schieben kann.
Und vielleicht ist es an der Zeit, diese Geschichte zu erzählen.
Nicht, weil meine Trauer deine Trauer erklären könnte.
Sondern weil sie ein Teil von mir ist.
Ein Teil meines Lebens.
Und ein Teil davon, warum ich heute Menschen in ihrer Trauer begleite.
„Tschüss, Schnecke. Bis später.“
Ich sehe diesen Moment noch heute vor mir.
Mein Partner ging aus dem Haus.
Wie an so vielen Tagen zuvor.
Ein letzter zärtlicher Kuss.
Und dann seine vertrauten Worte:
„Tschüss, Schnecke. Bis später.“
Wie immer.
Nichts daran fühlte sich nach Abschied an.
Warum auch?
Wir glaubten beide an dieses „Bis später“.
Ich wusste nicht, dass ich ihn gerade zum letzten Mal geküsst hatte.
Dass ich seine Stimme zum letzten Mal gehört hatte.
Und dass aus einem ganz normalen Tag innerhalb weniger Stunden ein Tag werden würde, der mein Leben für immer verändert.
Denn dieses „Bis später“ kam nie.
Mein Partner kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Unser gemeinsamer Sohn war gerade einmal vier Wochen alt.
Während ich selbst kaum begreifen konnte, was passiert war, hielt ich unser Kind im Arm.
Und plötzlich war da dieses kleine Leben, das einfach weitergehen sollte – obwohl meines gerade stehen geblieben war.
Der Morgen danach
Und dann kam der Morgen danach.
Ich öffnete die Augen.
Für einen kurzen Moment war alles wie immer.
Dann drehte ich mich zu deiner Seite.
Leer.
Und plötzlich war alles wieder da.
Dein letzter zärtlicher Kuss.
Deine Worte.
Der Unfall.
Und diese unfassbare Gewissheit:
Du kommst nie wieder nach Hause.
Dann kamen die Tränen.
Nicht ein paar.
Diese Tränen, bei denen der ganze Körper weint.
Bei denen man einfach nur möchte, dass das alles nicht wahr ist.
Und mitten in diesem Schmerz war unser kleiner Sohn.
Unser Kind.
Er brauchte mich.
Während ich selbst gerade jemanden gebraucht hätte, der mir sagt, wie ich ohne dich weitermachen soll.
Also nahm ich ihn in meine Arme.
Ich weinte.
Und ich hielt ihn fest.
Vielleicht war genau das mein erster Schritt durch die Trauer.
Nicht stark sein.
Nicht loslassen.
Nicht nach vorne schauen.
Einfach diesen kleinen Menschen festhalten, während meine eigene Welt gerade auseinandergebrochen war.
Ich wollte dich. Nicht deine Beerdigung.
Dann kam dieser Morgen, von dem man niemals glaubt, dass man ihn einmal erleben muss.
Du stehst auf und dein erster Gedanke ist:
Heute wird meine Liebe beerdigt.
Du gehst duschen.
Du ziehst dich an.
Du weißt, um welche Uhrzeit du auf dem Friedhof sein musst.
Als wäre es irgendein Termin.
Aber ich wollte da nicht hin.
Ich wollte nicht auf diesen Friedhof.
Ich wollte nicht vor diesem Grab stehen.
Ich wollte nicht, dass dort Menschen stehen, mich anschauen, weinen und versuchen, Worte für etwas zu finden, für das es keine Worte gibt.
Nein.
Ich wollte einfach nur aufwachen.
Aufwachen aus diesem verdammten bösen Traum.
Ich wollte, dass du da bist.
Dass du mich in den Arm nimmst.
Mich zärtlich küsst.
Und mich mit deiner ganzen Liebe umhüllst – genauso, wie du es immer gemacht hast.
Ich wollte dich. Nicht deine Beerdigung.
Und weißt du, was verrückt ist?
Von diesem Tag weiß ich heute fast nichts mehr.
Wer war da?
Wer hat mich in den Arm genommen?
Wer hat mit mir gesprochen?
Ich weiß es nicht mehr.
Es ist, als hätte mein Kopf diesen Tag nur in einzelnen Bildern gespeichert.
Vielleicht, weil manche Momente einfach zu groß sind, um sie vollständig zu begreifen.
Mein Kopf wusste es. Mein Herz wartete trotzdem.
Ich wusste, dass du tot bist.
Mein Kopf wusste es.
Und trotzdem gab es diese Momente, in denen ich auf dich wartete.
Ein Auto fuhr vor – und für eine Sekunde dachte ich:
Du.
Ein Geräusch an der Tür.
Schritte.
Ein vertrauter Klang.
Und sofort dieses Gefühl:
Vielleicht kommst du doch nach Hause.
Verrückt?
Nein.
Mein Kopf hatte längst verstanden, dass du nicht wiederkommst.
Aber mein Herz hatte noch keine Ahnung, wie dieses „Nie wieder“ funktionieren soll.
Wie auch?
Gerade eben warst du noch da.
Deine Stimme.
Dein Lachen.
Deine Nähe.
Deine Arme, in denen ich mich so geborgen gefühlt habe.
Und plötzlich sollte das alles für immer vorbei sein?
Ich glaube, genau deshalb habe ich noch so lange auf dich gewartet.
Nicht bewusst.
Mein Herz hat einfach immer wieder nach dir gesucht.
Trauer war für mich nicht nur Weinen und Vermissen.
Trauer war auch dieses Warten auf einen Menschen, von dem ich längst wusste, dass er nicht mehr durch diese Tür kommen wird.
Irgendwann wurde aus diesem Warten etwas anderes.
Erinnerung.
Ich hörte auf, darauf zu warten, dass du zurückkommst.
Aber ich habe nie aufgehört, dich bei mir zu tragen.
Verblasst die Erinnerung irgendwann?
Manchmal werde ich gefragt:
„Verblasst die Erinnerung irgendwann?“
Meine Antwort?
Manches vielleicht.
Aber manches niemals.
Ich habe deine Stimme noch im Ohr.
Dein Lachen in meinen Gedanken.
Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich.
Deinen Blick.
Dein Lächeln.
Diese Art, wie du mich angesehen hast.
Und für einen kleinen Moment fühlt es sich an, als wärst du gar nicht so weit weg.
So viele Jahre sind vergangen.
Und trotzdem gibt es Dinge, die die Zeit mir nicht nehmen konnte.
Das Gefühl, wie es war, von dir geliebt zu werden.
Vielleicht ist genau das das Verrückte an Trauer:
Ein Mensch ist nicht mehr da – und kann uns trotzdem ein Leben lang begleiten.
Nicht jeden Tag mit Tränen.
Nicht immer mit Schmerz.
Manchmal einfach mit einem Lächeln, weil plötzlich eine Erinnerung auftaucht und man denkt:
Ja. Genau so warst du.
Ich muss dich nicht festhalten, um dich nicht zu verlieren.
Du bist längst ein Teil von mir geworden.
Manchmal sehe ich dich in unserem Sohn
Manchmal schaue ich unseren Sohn an – und sehe für einen Moment dich.
Eine Bewegung.
Ein Blick.
Diese eine Art zu lachen.
Nur eine Kleinigkeit.
Und plötzlich denke ich:
Da bist du.
Aus unserem kleinen Jungen ist heute ein erwachsener Mann geworden.
Und wie oft habe ich in all den Jahren gedacht:
Du solltest jetzt hier sein.
Bei seinen ersten Schritten.
Seinen ersten Worten.
Seinem ersten Schultag.
Bei all den kleinen und großen Momenten, die aus einem Kind irgendwann einen Mann machen.
Denn ich habe damals nicht nur meinen Partner verloren.
Unser Sohn verlor seinen Papa, bevor er überhaupt die Chance hatte, ihn richtig kennenzulernen.
Und genau das hat manchmal auf eine ganz andere Art wehgetan.
Deshalb habe ich ihm von dir erzählt.
Von deinem Lachen.
Von deiner Art.
Von unserer gemeinsamen Zeit.
Damit er weiß, wer sein Papa war.
Und heute stehe ich manchmal vor diesem erwachsenen Mann, entdecke etwas Vertrautes und muss lächeln.
Nicht, weil er dich ersetzen könnte.
Niemals.
Sondern weil ein kleines Stück von dir in ihm weiterlebt.
Und dann denke ich:
Wenn du ihn heute sehen könntest … Gott, wärst du stolz auf ihn.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten von Erinnerung:
Ein Mensch kann fehlen – und trotzdem für immer zu einer Familie gehören.
Weiterleben ist kein Verrat
Ich dachte damals wirklich, mein Leben wäre vorbei.
Nicht mein Herzschlag.
Mein Leben.
Weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie ein Morgen ohne dich irgendwann wieder schön sein sollte.
Wie ich wieder lachen sollte, ohne mich dabei schlecht zu fühlen.
Wie ich wieder lieben sollte.
Wie aus diesem kleinen Jungen einmal ein erwachsener Mann werden sollte – ohne dich an unserer Seite.
Und trotzdem sind wir weitergegangen.
Nicht geradeaus.
Nicht immer stark.
Und ganz bestimmt nicht ohne Tränen.
Aber wir sind gegangen.
Heute lache ich wieder.
Ich liebe wieder.
Ich habe ein Leben, das ich damals niemals vor mir sehen konnte.
Und weißt du was?
Das bedeutet nicht, dass ich dich zurückgelassen habe.
Du gehörst zu meinem Leben.
Zu meiner Geschichte.
Zu dem Menschen, der ich heute bin.
Ich musste irgendwann verstehen:
Weiterleben ist kein Verrat an einem Menschen, den wir verloren haben.
Es ist vielleicht sogar die schönste Art zu sagen:
Deine Liebe war ein Teil meines Lebens. Und genau deshalb werde ich meines leben.
Warum ich heute Menschen in ihrer Trauer begleite
Heute bin ich Trauerbegleiterin.
Aber nicht, weil meine Geschichte mir das Recht geben würde, einem anderen Menschen zu sagen:
„Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“
Diesen Satz werde ich nicht sagen.
Denn deine Trauer wird niemals meine sein.
Dein Mensch.
Deine Geschichte.
Dein Schmerz.
Jeder Mensch trauert anders.
Jede Beziehung war anders.
Und jeder Verlust hinterlässt seine ganz eigenen Spuren.
Meine eigene Geschichte hat mir deshalb nicht beigebracht, wie Trauer „richtig“ geht.
Sie hat mir etwas anderes beigebracht.
Wie wichtig es sein kann, wenn jemand den Schmerz nicht wegreden möchte.
Wenn jemand nicht sagt:
„Du musst nach vorne schauen.“
„Du musst loslassen.“
Oder:
„Das wird schon wieder.“
Sondern wenn jemand einfach bleibt.
Zuhört.
Aushält.
Und auch dann noch da ist, wenn für die Welt um einen herum längst wieder Normalität eingekehrt ist.
Genau so verstehe ich meine Trauerbegleitung.
Nicht als Wegweiserin, die weiß, wohin du gehen musst.
Sondern als Mensch an deiner Seite, während du deinen eigenen Weg findest.
Weiß ich also, wie sich Trauer anfühlt?
Wenn mich heute jemand fragt:
„Sandra, weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
dann könnte ich von all den Tränen erzählen.
Von einem letzten Kuss.
Von einer leeren Bettseite.
Von einer Beerdigung, zu der ich nicht gehen wollte.
Von Nächten voller Fragen.
Von diesem verrückten Hoffen, dass sich die Tür vielleicht doch noch einmal öffnet.
Aber dann würde ich nur die halbe Wahrheit über Trauer erzählen.
Denn Trauer ist heute auch deine Stimme, die ich noch immer im Ohr habe.
Dein Lachen in meinen Gedanken.
Dieses warme Gefühl, wenn ich mich daran erinnere, wie sehr du mich geliebt hast.
Und die Dankbarkeit dafür, dass es uns überhaupt gegeben hat.
Also ja.
Ich weiß, wie sich Trauer anfühlen kann.
Aber ich weiß auch, dass sie sich verändern kann.
Dass aus diesem alles zerreißenden Schmerz irgendwann eine Erinnerung werden kann, bei der neben einer Träne plötzlich auch ein Lächeln Platz hat.
Ich habe dich nicht vergessen.
Ich habe dich nicht losgelassen.
Ich habe gelernt, dich anders zu lieben.
Unsere Geschichte ist nicht vorbei.
Du gehörst zu mir.
Zu meinem Leben.
Zu dem Menschen, der ich geworden bin.
Und wenn mich heute jemand fragt:
„Sandra, weißt du, wie sich Trauer anfühlt?“
Dann sage ich:
Ja.
Aber ich weiß auch, wie sich Leben danach anfühlen kann. ❤️
Wenn du gerade selbst einen Menschen vermisst und das Gefühl hast, mit deiner Trauer nicht allein weitergehen zu wollen: Ich begleite Menschen auch in schwierigen Situationen ihrer Trauer – persönlich, ohne Bewertung und ohne die Erwartung, dass Trauer irgendwann einfach „vorbei“ sein muss.
Mehr über meine Trauerbegleitung erfahren
Oder schreib mir ganz persönlich eine Nachricht.
Warum Trauer keinen Zeitplan kennt – und du dich nicht rechtfertigen musst
„Wie lange ist das jetzt her?“
Eine scheinbar harmlose Frage.
Und trotzdem kann sie treffen.
Denn manchmal steckt dahinter etwas, das viele Trauernde irgendwann spüren:
Die Erwartung, dass Trauer irgendwann vorbei sein müsste.
Nach ein paar Wochen wieder funktionieren.
Nach ein paar Monaten wieder lachen.
Nach einem Jahr müsste es doch langsam besser sein.
Aber so funktioniert Trauer nicht.
Trauer hat keinen Kalender
Es gibt keinen Tag, an dem du morgens aufwachst und sagen kannst:
So. Jetzt bin ich fertig mit Trauern.
Trauer verändert sich.
Sie kann leiser werden. Sie kann sich zurückziehen. Und manchmal glaubst du sogar, sie hätte für eine Weile ihren Platz gefunden.
Dann reicht ein Lied.
Ein Geruch.
Ein bestimmter Ort.
Ein Geburtstag.
Oder dieser eine Moment, in dem du etwas erzählen möchtest und plötzlich wieder weißt:
Dieser Mensch ist nicht mehr da.
Und plötzlich ist sie wieder da
Vielleicht Monate später.
Vielleicht Jahre später.
Und das bedeutet nicht, dass du „wieder ganz am Anfang“ bist.
Es bedeutet nur, dass dieser Mensch zu deinem Leben gehört hat.
Dass Erinnerungen geblieben sind.
Dass Liebe nicht einfach verschwindet, nur weil Zeit vergangen ist.
Du musst niemandem beweisen, wie gut du mit deiner Trauer klarkommst
Manche Menschen möchten reden.
Andere nicht.
Manche brauchen Gesellschaft.
Andere möchten allein sein.
Manche können schon früh wieder lachen und sich an schönen Dingen freuen.
Und andere brauchen dafür sehr lange.
Alles davon darf sein.
Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, wieder auszugehen.
Keinen falschen Zeitpunkt, an einem Grab zu weinen.
Keine vorgeschriebene Anzahl an Monaten, nach denen Erinnerungen nicht mehr wehtun dürfen.
Auch Lachen ist kein Verrat
Und noch etwas ist mir wichtig:
Wenn du irgendwann wieder von Herzen lachst, bedeutet das nicht, dass du weniger vermisst.
Wenn du einen schönen Tag hast, bedeutet das nicht, dass du vergessen hast.
Wenn du dein Leben weiterlebst, bedeutet das nicht, dass der verstorbene Mensch darin keinen Platz mehr hat.
Trauer und Lebensfreude dürfen nebeneinander existieren.
Vielleicht ist genau das irgendwann ein Teil des Weges:
Nicht loszulassen.
Sondern anders festzuhalten.
Und wenn dein Umfeld längst weitergegangen ist?
Das kann einer der schwierigsten Momente sein.
Am Anfang fragen viele Menschen, wie es dir geht.
Sie schreiben. Sie rufen an. Sie sind da.
Doch irgendwann wird es stiller.
Für die Welt geht das Leben weiter.
Für dich vielleicht auch – und trotzdem fehlt jemand.
Gerade dann kann es guttun, einen Ort zu haben, an dem du nichts erklären musst.
Einen Menschen, der nicht sagt:
„Du musst nach vorne schauen.“
Sondern der auch aushält, wenn du gerade einfach nur sagen möchtest:
„Heute fehlt er mir.“
„Heute fehlt sie mir.“
Trauer braucht keinen Zeitplan. Sie braucht Raum.
Vielleicht wird aus einem überwältigenden Schmerz irgendwann eine leise Sehnsucht.
Vielleicht wird aus Tränen irgendwann ein Lächeln, wenn du an einen gemeinsamen Moment denkst.
Vielleicht dauert das lange.
Vielleicht geht es schneller.
Dein Weg muss zu niemand anderem passen.
Denn Trauer ist so individuell wie der Mensch, den du verloren hast – und genauso individuell wie die Beziehung, die euch verbunden hat.
Und deshalb darfst du dir die Zeit nehmen, die du brauchst.
Du musst mit deiner Trauer nicht alleine bleiben.
Manchmal hilft es, einfach erzählen zu dürfen. Ohne Bewertung. Ohne Erwartungen. Und ohne den Satz hören zu müssen, dass es doch irgendwann wieder gut sein müsse.
Als Trauerbegleiterin begleite ich Menschen auch dann, wenn die Welt um sie herum längst wieder zum Alltag übergegangen ist.
Mehr über meine Trauerbegleitung erfahren →
Trauerstammtisch – muss ich da über meine Trauer sprechen?
Vielleicht hast du das Wort Trauerstammtisch schon einmal gehört und sofort gedacht:
„Das ist nichts für mich.“
Mit fremden Menschen zusammensitzen und über meine Trauer sprechen?
Erzählen, wen ich verloren habe?
Vielleicht vor anderen weinen?
Nein, danke.
Wenn du gerade genau das denkst, möchte ich dir etwas sagen:
Bei einem Trauerstammtisch musst du erst einmal gar nichts.
Was ist ein Trauerstammtisch überhaupt?
Ein Trauerstammtisch ist ein Ort für Menschen, die jemanden vermissen.
Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten und ganz unterschiedlichen Formen von Trauer.
Manche Verluste sind erst wenige Wochen her. Andere Monate oder Jahre.
Und trotzdem gibt es etwas, das diese Menschen miteinander verbindet:
Da fehlt jemand.
Genau dafür darf es einen Platz geben.
Muss ich beim Trauerstammtisch erzählen, wen ich verloren habe?
Nein.
Du darfst erzählen.
Du darfst aber genauso gut einfach zuhören.
Vielleicht möchtest du beim ersten Mal erst einmal schauen, wer da sitzt und wie sich der Abend anfühlt.
Vielleicht sagst du nur deinen Namen.
Und vielleicht merkst du irgendwann ganz von selbst, dass du etwas erzählen möchtest.
Es gibt keinen Zwang, über etwas zu sprechen, über das du gerade nicht sprechen möchtest.
Und was ist, wenn ich plötzlich weinen muss?
Dann darfst du weinen.
Ohne dich dafür entschuldigen zu müssen.
Aber du darfst genauso lachen.
Denn Trauer besteht nicht ausschließlich aus Tränen.
Manchmal erzählen Menschen von einer Erinnerung und plötzlich lachen alle am Tisch.
Und kurz danach wird es vielleicht wieder still.
Beides darf nebeneinander existieren.
Ist ein Trauerstammtisch eine Selbsthilfegruppe?
Mein Trauerstammtisch ist bewusst ein offener und ungezwungener Treffpunkt.
Es gibt keinen Stundenplan, den wir abarbeiten.
Niemand muss berichten, welche „Fortschritte“ er mit seiner Trauer gemacht hat.
Und vor allem gibt es kein Ziel, an dessen Ende jemand seine Trauer endlich abgeschlossen haben soll.
Denn Trauer ist keine Aufgabe, die man irgendwann erledigt hat.
Darf ich kommen, wenn mein Verlust schon lange zurückliegt?
Natürlich.
Trauer hat kein Ablaufdatum.
Es gibt keinen Zeitpunkt, ab dem man einen Menschen nicht mehr vermissen darf.
Manchmal verändert sich Trauer mit den Jahren.
Aber ein Geburtstag, ein Lied, ein bestimmter Geruch oder ein ganz gewöhnlicher Sonntag können Erinnerungen plötzlich wieder ganz nah werden lassen.
Ob dein Verlust Wochen, Monate oder Jahre zurückliegt, entscheidet deshalb nicht darüber, ob du kommen darfst.
Was passiert bei einem Trauerstammtisch?
Wir sitzen zusammen.
Wir reden.
Wir hören zu.
Manchmal geht es um den Menschen, der fehlt.
Manchmal darum, wie sich das eigene Leben seit seinem Tod verändert hat.
Und manchmal reden wir zwischendurch über etwas völlig anderes.
Denn auch das gehört zum Leben mit Trauer.
Es geht nicht darum, die richtigen Worte zu finden.
Es geht darum, einen Ort zu haben, an dem auch das Vermissen sein darf.
Warum kann der Austausch mit anderen Trauernden guttun?
Nach einem Verlust verändert sich manchmal auch das eigene Umfeld.
Am Anfang fragen viele Menschen, wie es einem geht.
Doch irgendwann wird es stiller.
Das Leben der anderen geht weiter – während sich das eigene vielleicht noch lange völlig anders anfühlt.
Dann kann es guttun, Menschen zu begegnen, denen man nicht erst erklären muss, warum ein bestimmter Tag schwierig ist.
Menschen, die nicht sagen:
„Du musst langsam wieder nach vorne schauen.“
Sondern die verstehen, dass nach vorne schauen und jemanden vermissen gleichzeitig möglich sein können.
Trauerstammtisch „Stille und Stärke“ im Zollernalbkreis
Mit meinem Trauerstammtisch „Stille und Stärke“ möchte ich im Zollernalbkreis genau einen solchen Ort schaffen.
Einen Ort für Begegnung.
Für Erinnerungen.
Für Gespräche und für Stille.
Für Tränen und genauso für ein Lachen.
Und für Menschen, die vielleicht einfach einmal mit anderen an einem Tisch sitzen möchten, bei denen sie nicht erklären müssen, warum jemand noch immer fehlt.
Du musst nichts mitbringen. Keine Geschichte vorbereiten. Und du musst auch nicht wissen, was du sagen möchtest.
Du darfst einfach kommen.