Aus Sandras Blog
Die richtigen Worte beginnen mit Zuhören

Manchmal fehlen auch einer Rednerin die Worte
Und vielleicht ist genau das manchmal gut so.
Ich bin Rednerin.
Worte sind mein Beruf.
Eigentlich könnte man also meinen, dass ich immer etwas zu sagen habe. Dass mir zu jeder Geschichte sofort der passende Satz einfällt und ich immer weiß, was ich antworten muss.
Aber wisst ihr was?
Manchmal fehlen auch mir die Worte.
Und inzwischen glaube ich, dass das überhaupt nichts Schlechtes ist.
Denn bevor ich die richtigen Worte finden kann, muss ich etwas anderes tun:
Zuhören.
Wenn zwei Menschen mir ihre Liebesgeschichte erzählen
Bei einem Traugespräch wird viel gelacht.
Wir sprechen über das Kennenlernen, den ersten Kuss, gemeinsame Abenteuer, kleine Macken und vielleicht über einen Heiratsantrag, bei dem nicht ganz alles so romantisch gelaufen ist wie ursprünglich geplant. 😉
Mich interessieren dabei nicht nur Jahreszahlen und Daten.
Mich interessiert das Dazwischen.
Warum ist genau dieser Mensch dein Mensch?
Was kann er, was dich manchmal wahnsinnig macht?
Was liebst du an ihm, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er eben nicht perfekt ist?
Und dann gibt es diese Momente, in denen sich ein Gespräch plötzlich verändert.
Vielleicht sagt einer von beiden:
„Ohne sie wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.“
Und plötzlich wird es still.
Auch bei mir.
Früher hätte ich vielleicht gedacht, ich müsste darauf sofort etwas besonders Schönes antworten.
Heute weiß ich:
Nein. Muss ich nicht.
Manche Sätze dürfen einfach einen Moment im Raum stehen.
Denn genau dort finde ich oft das, was später eine persönliche Rede ausmacht.
Nicht nur die Geschichte darüber, wie zwei Menschen zusammengekommen sind.
Sondern warum sie zusammengehören.
Wenn aus zwei Menschen plötzlich Familie wird
Ganz anders und trotzdem genauso besonders sind meine Gespräche für ein Kinderwillkommensfest.
Da sitzt vielleicht ein kleiner Mensch dabei, der noch überhaupt keine Ahnung davon hat, dass wir Erwachsenen gerade eine komplette Zeremonie für ihn planen. 😂
Wir sprechen über Schwangerschaft, Geburt und die ersten Wochen oder Monate.
Über schlaflose Nächte.
Über Schwangerschaftsgelüste.
Darüber, wer nachts angeblich das Baby überhaupt nicht gehört hat. 😉
Und natürlich wird viel gelacht.
Aber manchmal höre ich auch von einem langen Weg zu diesem Kind.
Von einem Herzenswunsch.
Von Sorgen.
Von Momenten, in denen nicht selbstverständlich war, dass am Ende tatsächlich dieses kleine Wunder im Arm seiner Eltern liegen würde.
Und wenn Mama oder Papa dann dieses Kind anschauen und sagen:
„Manchmal können wir selbst noch nicht glauben, dass du wirklich da bist.“
dann muss auch ich nicht sofort antworten.
Denn nicht nur Trauer kann sprachlos machen.
Manchmal kann es auch ganz großes Glück.
Und manchmal werden Worte schwer
Dann gibt es die anderen Gespräche.
Ich sitze Angehörigen gegenüber.
Vor uns liegen vielleicht Fotos.
Und sie erzählen mir von einem Menschen, der bis vor Kurzem ganz selbstverständlich da war.
Wir sprechen über sein Leben.
Über seine Macken.
Über seine Lieblingssätze.
Über Dinge, über die sich alle früher aufgeregt haben und die heute plötzlich fehlen.
Und ja:
Bei meinen Trauergesprächen wird auch gelacht.
Das finde ich sogar wunderschön.
Denn ein Mensch bestand schließlich nicht nur aus seinem Tod.
Er hatte ein Leben.
Und dieses Leben hatte hoffentlich verdammt viele Momente, über die man auch nach seinem Tod noch lachen darf.
Aber dann fällt vielleicht plötzlich ein Satz wie:
„Heute Morgen wollte ich ihm wieder etwas erzählen.“
Und da gibt es nichts, was ich schnell besser machen könnte.
Dann bin auch ich manchmal einfach still.
Kein:
„Das wird schon wieder.“
Kein:
„Die Zeit heilt alle Wunden.“
Und ganz sicher kein gut gemeinter Spruch, der einen Schmerz erklären soll, für den es gerade keine Erklärung gibt.
Manche Dinge brauchen in diesem Moment keine Antwort.
Sie brauchen einen Menschen, der sie aushält.
Ich muss nicht jede Stille reparieren
Das habe ich besonders durch meine Arbeit als Trauerbegleiterin gelernt.
Manchmal sitzt mir ein Mensch gegenüber und sagt:
„Ich weiß nicht, wie ich ohne ihn weitermachen soll.“
Was soll ich darauf antworten?
Ich könnte irgendeinen schönen Satz suchen.
Aber vielleicht braucht dieser Mensch gerade gar keinen schönen Satz.
Vielleicht braucht er einfach jemanden, der nicht nervös wird, wenn es für einen Moment still ist.
Dann sitzen wir eben da.
Vielleicht kommen Tränen.
Vielleicht kommt irgendwann eine Erinnerung.
Vielleicht müssen wir plötzlich sogar lachen.
Und vielleicht sagen wir eine Weile überhaupt nichts.
Auch das ist Begleitung.
Ich muss nicht jede Stille mit Worten füllen.
Meine Worte kommen später
Nach diesen Gesprächen beginnt ein ganz anderer Teil meiner Arbeit.
Dann sitze ich zu Hause.
Vor mir meine Notizen.
In meinem Kopf all die Geschichten, die mir erzählt wurden.
Und dann suche ich sie:
die richtigen Worte.
Nicht irgendwelche schönen Sätze, die zu jedem Menschen passen könnten.
Sondern Worte, bei denen ein Brautpaar irgendwann denkt:
„Ja. Genau das sind wir.“
Worte, bei denen Eltern bei einem Kinderwillkommensfest auf ihr Kind schauen und vielleicht ein kleines Tränchen verdrücken.
Und Worte, bei denen Angehörige während einer Lebensfeier trotz all ihrer Trauer plötzlich lächeln und denken:
„Ja Sandra. Genau so war er.“
Genau dafür habe ich vorher zugehört.
Denn Menschen vertrauen mir nicht irgendeine Geschichte an.
Sie vertrauen mir ihre Geschichte an.
Und das empfinde ich bis heute als etwas ganz Besonderes.
Vielleicht besteht mein Beruf viel weniger aus Reden, als man denkt
Natürlich stehe ich irgendwann vorne.
Mit Mikrofon.
Mit meiner Rede.
Und dann bin ich tatsächlich diejenige, die spricht.
Aber inzwischen glaube ich:
Ein großer Teil meines Berufes passiert lange davor.
Beim Zuhören.
Beim Hinsehen.
Beim Nachfragen.
Beim gemeinsamen Lachen.
Beim Mitfühlen.
Und manchmal eben auch beim gemeinsamen Schweigen.
Denn erst wenn ich verstanden habe, wer ihr seid und was euch wirklich bewegt, fange ich an, meine Worte zu suchen.
Und wenn ihr später bei eurer Trauung aus vollem Herzen lacht …
wenn ihr bei eurem Kinderwillkommensfest euer kleines Wunder anschaut und eine Träne verdrückt …
oder wenn ihr bei einer Lebensfeier mitten in eurer Trauer plötzlich lächelt und denkt:
„Ja, Sandra. Genau so.“
Dann weiß ich:
Ich habe sie gefunden.
Eure Worte. ❤️
Eure Sandra
Gedanken, die weiterführen.
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Wenn ihr Fragen habt oder euch eine persönliche Begleitung wünscht, meldet euch gerne ganz unverbindlich bei mir.
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