Sandra Locher Freie Rednerin (IHK) · Trauerbegleiterin (DEKRA)

Aus Sandras Blog

Trauerfeier

Wenn ein Mensch seine eigene Lebensfeier mit mir plant

Wenn ein Mensch seine eigene Lebensfeier mit mir plant

Über Gespräche, die vom Abschied handeln – und mir trotzdem unglaublich viel über das Leben erzählen.

Es gibt Begegnungen in meinem Beruf, die bleiben mir ganz besonders im Herzen.

Ich fahre zu einem Menschen, der mich als Rednerin ausgesucht hat.

Aber nicht für die Trauerfeier seiner Mutter, seines Partners oder eines anderen Angehörigen.

Sondern für seine eigene Lebensfeier.

Dieser Mensch öffnet mir selbst die Tür.

Wir setzen uns zusammen.

Vielleicht trinken wir einen Kaffee.

Wir reden.

Wir lachen.

Und gleichzeitig wissen wir beide:

Irgendwann werde ich vorne stehen und seine Geschichte erzählen.

Ich gebe zu: Auch für mich ist das ein besonderer Gedanke.

Denn der Mensch, über den ich eines Tages sprechen werde, sitzt in diesem Moment direkt vor mir.

Lebendig.

Mit seiner Stimme.

Seinem Lachen.

Seinem Humor.

Und manchmal mit erstaunlich viel Lebensfreude.

Eigentlich müsste dieses Gespräch doch furchtbar traurig sein

Das könnte man zumindest denken.

Natürlich treffe ich dabei häufig Menschen, die schwer krank sind.

Menschen, die wissen, dass ihre Zeit begrenzt sein könnte.

Und selbstverständlich gibt es in diesen Gesprächen auch schwere Momente.

Aber etwas hat mich dabei immer wieder überrascht:

Wie viel Leben in einem Gespräch über den eigenen Tod stecken kann.

Da sitzt nicht nur ein kranker Mensch vor mir.

Da sitzt jemand mit einer ganzen Lebensgeschichte.

Mit Erinnerungen.

Mit Menschen, die er liebt.

Mit Dingen, auf die er stolz ist.

Mit Entscheidungen, die vielleicht nicht ganz so brillant waren.

Mit verrückten Geschichten.

Und manchmal mit ziemlich genauen Vorstellungen davon, wie der eigene Abschied einmal aussehen soll.

„Sandra, dieses Lied muss unbedingt gespielt werden.“

Oder:

„Das will ich auf gar keinen Fall!“

Und natürlich gibt es auch Geschichten, bei denen ich sofort höre:

„Sandra – DAS erzählst du aber nicht!“

Keine Sorge.

Bleibt unter uns.

Ich bekomme eine Lebensgeschichte aus erster Hand

Und genau das empfinde ich als etwas ganz Besonderes.

Normalerweise erzählen mir Angehörige von einem Menschen.

Sie erzählen mir, wie er war.

Worüber er lachen konnte.

Was ihn ausgemacht hat.

Welche Macken er hatte.

Welche Geschichten unbedingt in seine Lebensrede gehören.

Aber hier ist es anders.

Der Mensch erzählt mir selbst von seinem Leben.

Ich höre seine Version.

Ich sehe, wann seine Augen plötzlich leuchten.

Ich merke, welche Erinnerungen ihn zum Lachen bringen.

Ich höre, welche Menschen in seinem Leben eine ganz besondere Rolle spielen.

Und manchmal sitze ich da, höre diesem Menschen beim Lachen zu und denke für einen kurzen Moment:

Irgendwann werde ich genau von diesem Lachen erzählen.

Vielleicht vor seinem Partner.

Vor seinen Kindern.

Vor seinen Freunden.

Vor all den Menschen, von denen er mir gerade erzählt.

Und der Mensch, der jetzt noch direkt vor mir sitzt, wird dann nicht mehr neben mir sitzen.

Ich glaube, an diesen Gedanken werde auch ich mich niemals einfach gewöhnen.

„Und bitte genau dieses Lied.“

Natürlich sprechen wir auch darüber, wie die Lebensfeier einmal aussehen soll.

Welche Musik gehört zu diesem Menschen?

Welches Lied erzählt vielleicht etwas über sein Leben?

Was soll beim Beginn laufen?

Was vielleicht ganz am Ende?

Und welches Lied darf unter gar keinen Umständen gespielt werden?

Wir sprechen darüber, wie er sich seinen Abschied vorstellt.

Vielleicht sollen am Grab Luftballons in den Himmel steigen.

Vielleicht soll es gar nicht so klassisch sein.

Vielleicht wünscht sich jemand:

„Die sollen nachher auf mich anstoßen.“

Und wisst ihr was?

Ich finde das wunderschön.

Warum sollte eine Lebensfeier plötzlich steif und förmlich sein, wenn dieser Mensch sein ganzes Leben lang genau das Gegenteil war?

Ein Abschied darf die Handschrift des Menschen tragen, um den es geht.

Und wenn dieser Mensch mir selbst sagen kann, was er möchte, dann höre ich ganz genau hin.

Und genauso wichtig ist: Was möchtest du NICHT?

Auch darüber sprechen wir.

Denn zur eigenen Lebensfeier gehören nicht nur Wünsche.

Manchmal sind die Menschen bei diesem Punkt sogar besonders deutlich.

Keine bestimmte Musik.

Keine Floskeln.

Keine bestimmte Form der Verabschiedung.

Vielleicht keine schwarze Kleidung.

Vielleicht keine endlose Aufzählung von Lebensdaten.

Vielleicht soll auf keinen Fall aus einem Menschen plötzlich ein Heiliger gemacht werden, nur weil er gestorben ist.

Und genau das finde ich wichtig.

Ich möchte einen Menschen später so erzählen, wie er war.

Mit seinen wunderbaren Seiten.

Mit seinem Humor.

Mit seinen Eigenheiten.

Mit seinen Ecken und Kanten.

Denn genau daraus entsteht Persönlichkeit.

Und dann wird es manchmal still

Natürlich gibt es sie auch.

Diese anderen Momente.

Wenn wir darüber sprechen, wer einmal zurückbleiben wird.

Der Partner.

Die Kinder.

Familie.

Freunde.

Menschen, die dieser Mensch liebt und von denen er gleichzeitig weiß, dass er sie vielleicht irgendwann zurücklassen muss.

Dann muss auch ich nicht sofort etwas sagen.

Manches lässt sich nicht mit einem schönen Satz leichter machen.

Manches darf einfach schwer sein.

Und vielleicht sitzen wir dann einen Moment still da.

Auch das gehört zu diesem Gespräch.

Aber gerade bei schwer kranken Menschen erlebe ich immer wieder etwas, das mich tief beeindruckt:

Diese unglaubliche Klarheit darüber, was im Leben wirklich wichtig ist.

Plötzlich geht es nicht mehr um irgendeinen Ärger von letzter Woche.

Nicht darum, ob irgendwo etwas perfekt ist.

Sondern um Menschen.

Um Zeit.

Um einen Besuch.

Eine Umarmung.

Sonne im Gesicht.

Gemeinsam essen.

Noch einmal irgendwo hinfahren.

Lachen.

Leben.

Und manchmal denke ich danach:

Vielleicht müssten wir Gesunden viel öfter mit Menschen sprechen, die wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist.

Nicht, damit wir Angst vor dem Tod bekommen.

Sondern damit wir das Leben wieder ein bisschen ernster nehmen.

Und diese Menschen schenken ihren Angehörigen noch etwas

Das wird mir bei diesen Gesprächen immer wieder bewusst.

Wer seine eigene Lebensfeier plant, entscheidet nicht nur selbst über seinen Abschied.

Er nimmt seinen Menschen später auch Entscheidungen ab.

Denn wenn der Tag irgendwann kommt, müssen Angehörige nicht bei allem überlegen:

„Was hätte er wohl gewollt?“

Sie wissen es.

Dieses Lied.

Diese Geschichte.

So wollte er verabschiedet werden.

Vielleicht wollte er, dass gelacht werden darf.

Vielleicht wollte er am Ende keinen traurigen Auszug, sondern sein Lieblingslied.

Vielleicht wollte er, dass alle am Grab noch einmal das Glas heben.

Auf ihn.

Und mitten in der eigenen Trauer zu wissen:

Genau so hat er es sich gewünscht.

Das kann etwas unglaublich Wertvolles sein.

Und irgendwann wird dieser Anruf kommen

Natürlich weiß ich das schon bei unserem Gespräch.

Vielleicht sehen wir uns danach noch einmal.

Vielleicht telefonieren wir.

Vielleicht wird noch ein Lied geändert oder eine Geschichte ergänzt.

Vielleicht sagt jemand irgendwann:

„Sandra, mir ist noch etwas eingefallen. Das musst du unbedingt erzählen.“

Und dann kommt irgendwann dieser andere Anruf.

Der, von dem wir beide wussten, dass er eines Tages kommen könnte.

Ich werde den Namen hören.

Und natürlich wird auch mir dann kurz das Herz schwer.

Denn diesmal kenne ich diesen Menschen nicht nur aus den Erzählungen seiner Angehörigen.

Ich habe ihm gegenübergesessen.

Ich habe seine Stimme gehört.

Sein Lachen.

Ich habe gesehen, wann seine Augen geleuchtet haben.

Ich weiß, welche Menschen ihm wichtig waren.

Welche Musik er geliebt hat.

Welche Geschichte ich erzählen darf.

Und vielleicht auch die eine oder andere, die ich ganz sicher nicht erzählen darf.

Dann öffne ich meine Notizen.

Und aus unserem Gespräch wird irgendwann seine Lebensrede.

Und dann stehe ich vorne

Vor seinem Partner.

Seinen Kindern.

Seiner Familie.

Seinen Freunden.

Vor genau den Menschen, von denen er mir vielleicht Wochen oder Monate zuvor erzählt hat.

Vielleicht erklingt genau dieses Lied.

Vielleicht steigen am Grab tatsächlich Luftballons in den Himmel.

Vielleicht stehen seine Menschen später zusammen und heben ihre Gläser.

Und dann erzähle ich seine Geschichte.

Nicht so, wie andere glauben, dass sie gewesen sein könnte.

Sondern so, wie er sie mir selbst erzählt hat.

Mit seinem Humor.

Seinen Macken.

Seinen Erinnerungen.

Seinen Menschen.

Seinem Leben.

Und vielleicht sitzt irgendwo jemand, lächelt mitten durch seine Tränen und denkt:

„Ja. Genau so war er.“

Dann weiß ich, dass wir es richtig gemacht haben.

Was empfinde ich dabei?

Vor allem eines:

Tiefe Dankbarkeit.

Denn wenn ein Mensch mich selbst als die Frau auswählt, die irgendwann seine letzten Worte über sein Leben sprechen soll, dann ist das für mich kein Auftrag wie jeder andere.

Dieser Mensch sagt mir damit:

„Sandra, ich vertraue dir meine Geschichte an.“

Was für ein Vertrauen.

Was für eine Verantwortung.

Und ganz ehrlich:

Was für ein Geschenk.

Ich darf einem Menschen zuhören, solange er mir seine Geschichte noch selbst erzählen kann.

Ich darf mit ihm lachen.

Ich darf erfahren, was ihm wichtig ist.

Ich darf seine Wünsche festhalten.

Und wenn irgendwann der Tag kommt, an dem seine eigene Stimme nicht mehr zu hören ist, darf ich ihm meine leihen.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich meinen Beruf so sehr liebe.

Ich spreche bei Lebensfeiern über den Tod.

Natürlich.

Aber eigentlich erzähle ich viel häufiger von etwas ganz anderem:

Vom Leben.

Von dem, was war.

Von dem, was wichtig war.

Von den Menschen, die bleiben.

Von Liebe.

Von Erinnerungen.

Und von den Spuren, die ein Mensch hinterlässt.

Wenn mir jemand seine eigene Lebensgeschichte anvertraut und sagt:

„Wenn es einmal so weit ist, möchte ich, dass du sie erzählst.“

dann werde ich das niemals als selbstverständlich ansehen.

Ich werde zuhören.

Ich werde aufschreiben.

Ich werde lachen.

Vielleicht werden wir auch gemeinsam still.

Und irgendwann werde ich meine Worte finden.

Für seine Geschichte.

Für seine Menschen.

Für seinen letzten Abschied.

Und dafür, dass Menschen mir dieses Vertrauen schenken, bin ich von Herzen dankbar.

Eure Sandra ❤️

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