Sandra Locher Freie Rednerin (IHK) · Trauerbegleiterin (DEKRA)

Aus Sandras Blog

Trauerbegleitung

Wenn die Blumen längst verwelkt sind …

Am Anfang sind sie alle da.

Das Telefon klingelt.

Nachrichten kommen.

Blumen werden gebracht.

Menschen fragen:

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“

Dann kommt die Trauerfeier.

Noch einmal sind viele Menschen da. Es gibt Umarmungen, Tränen, liebe Worte und Erinnerungen.

Und irgendwann gehst du nach Hause.

Die Blumen stehen noch da.

Die Karten auch.

Aber nach und nach kehrt bei den anderen wieder Alltag ein.

Und genau das kenne ich selbst.

Ich habe in meinem Leben Menschen verloren, die mir unglaublich wichtig waren.

Ich kenne diese Tage, an denen man irgendwie funktioniert.

Man regelt Dinge, beantwortet Nachrichten, trifft Entscheidungen und macht weiter, weil man eben weitermachen muss.

Und dann wird es irgendwann ruhiger.

Die Blumen verwelken.

Das Telefon klingelt seltener.

Die Menschen um dich herum gehen wieder arbeiten, planen ihren Urlaub, erzählen von ihrem Wochenende.

Das Leben geht weiter.

Nur das eigene fühlt sich noch lange nicht danach an.

Ich weiß noch, wie sich das angefühlt hat

Manchmal waren es gar nicht die großen Momente.

Es waren die kleinen.

Ein Lied.

Ein Geruch.

Ein Gegenstand.

Ein Satz.

Etwas völlig Banales, das plötzlich eine Erinnerung ausgelöst hat.

Und innerhalb von Sekunden war alles wieder da.

Ich habe selbst erlebt, dass Trauer sich nicht an einen Kalender hält.

Es gibt keinen Tag, an dem jemand kommt und sagt:

„So Sandra, jetzt hast du genug getrauert.“

Und trotzdem hat man manchmal das Gefühl, irgendwann wieder funktionieren zu müssen.

Man möchte andere nicht belasten.

Man sagt vielleicht:

„Es geht schon.“

Obwohl es überhaupt nicht geht.

Auch das kenne ich.

Was mir damals manchmal gefehlt hat

Rückblickend weiß ich heute:

Ich hätte in manchen Momenten keinen Menschen gebraucht, der mir erklärt, wie Trauer funktioniert.

Ich brauchte keine schlauen Sätze.

Kein:

„Du musst nach vorne schauen.“

Kein:

„Die Zeit heilt alle Wunden.“

Und ganz sicher kein:

„Du musst loslassen.“

Ich hätte manchmal einfach jemanden gebraucht, bei dem ich nichts erklären muss.

Jemanden, der zuhört.

Auch wenn ich dieselbe Geschichte zum fünften Mal erzähle.

Jemanden, bei dem der Name des Menschen, der gestorben ist, weiter ausgesprochen werden darf.

Denn das habe ich selbst gespürt:

Nur weil ein Mensch gestorben ist, möchte man nicht plötzlich aufhören, über ihn zu sprechen.

Im Gegenteil.

Manchmal möchte man genau das.

Erzählen.

Erinnern.

Lachen.

Weinen.

Und vielleicht fünf Minuten später wieder lachen.

Heute sitze ich auf der anderen Seite

Heute begleite ich selbst Menschen in ihrer Trauer.

Und vielleicht mache ich manches gerade deshalb so, wie ich es mache.

Weil ich weiß, wie sich diese andere Seite anfühlt.

Wenn jemand bei mir sitzt, muss ich ihm nicht erklären, wie er jetzt zu trauern hat.

Wer wäre ich denn, das zu bestimmen?

Jeder Mensch trauert anders.

Der eine möchte reden.

Der andere schweigt erst einmal.

Manche Menschen sind unendlich traurig.

Andere sind wütend.

Manche fühlen Schuld.

Und manchmal sitzt mir jemand gegenüber und lacht über eine herrliche Geschichte des Verstorbenen – und bekommt im nächsten Moment Tränen in die Augen.

Das ist kein Widerspruch.

Das ist Trauer.

Es fehlt manchmal viel mehr als nur ein Mensch

Das habe ich durch meine eigenen Verluste und später durch meine Arbeit noch einmal ganz anders verstanden.

Mit einem Tod verschwindet nicht nur ein geliebter Mensch aus dem Alltag.

Manchmal bricht eine ganze Ordnung weg.

Wer kümmert sich jetzt um Dinge, die immer der andere gemacht hat?

Wo sind Unterlagen?

Welche Verträge gibt es?

Wie geht es finanziell weiter?

Wie funktioniert plötzlich ein Alltag, den man jahrelang zu zweit gelebt hat?

Und während im Kopf hundert Fragen kreisen, versucht das Herz überhaupt erst zu begreifen:

Dieser Mensch kommt wirklich nicht zurück.

Deshalb kann Trauerbegleitung für mich auch bedeuten, erst einmal gemeinsam dieses riesige Durcheinander zu sortieren.

Nicht das ganze Leben auf einmal.

Vielleicht einfach nur das, was heute gerade schwer ist.

Und irgendwann habe ich etwas verstanden

Ich glaube heute nicht mehr daran, dass wir einen geliebten Menschen „loslassen“ müssen.

Warum eigentlich?

Ich habe Menschen verloren, die zu meinem Leben gehören.

Sie gehören auch heute noch dazu.

Anders.

Aber sie sind Teil meiner Geschichte.

Ich kann an sie denken und traurig sein.

Ich kann über sie erzählen und lachen.

Ich kann sie vermissen und trotzdem einen wunderschönen Tag haben.

Das musste auch ich lernen:

Weiterleben bedeutet nicht vergessen.

Und wieder glücklich zu sein bedeutet nicht, einen Menschen weniger geliebt zu haben.

Vielleicht verändert Trauer irgendwann einfach ihre Form.

Der Schmerz steht nicht mehr jeden Tag mitten im Raum.

Die Erinnerung bekommt mehr Platz.

Und irgendwann schafft man es vielleicht, zurückzuschauen und neben den Tränen auch wieder zu sehen:

Wie schön, dass dieser Mensch Teil meines Lebens war.

Vielleicht bin ich genau deshalb heute hier

Als ich angefangen habe, als Trauerrednerin zu arbeiten, ging es zunächst um den Abschied.

Um eine Lebensgeschichte.

Um die letzten Worte bei einer Trauerfeier.

Aber ich habe schnell gemerkt:

Für die Angehörigen endet die Geschichte dort nicht.

Eigentlich beginnt danach etwas ganz Neues.

Ein Leben, das man sich so nicht ausgesucht hat.

Und genau da schließt sich für mich ein Kreis.

Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch fehlt.

Ich weiß, wie es ist, wenn es nach den ersten Wochen um einen herum stiller wird.

Und ich weiß heute auch, was ich mir damals manchmal gewünscht hätte:

Einen Menschen an meiner Seite, der nicht versucht, meine Trauer wegzumachen.

Sondern der sie einfach mit mir aushält.

Vielleicht bin ich genau deshalb heute Trauerbegleiterin.

Nicht, weil ich auf alles eine Antwort habe.

Die habe ich nicht.

Sondern weil ich aus eigener Erfahrung weiß:

Manchmal braucht es gar keine Antwort.

Manchmal braucht es einfach einen Menschen.

Und heute kann ich für andere genau dieser Mensch sein.

Wenn die Blumen längst verwelkt sind. ❤️

Eure Sandra

Trauer braucht ihren eigenen Weg.

Ihr wünscht euch Begleitung in eurer Trauer?

Dann meldet euch gerne bei mir. Wir schauen gemeinsam, was euch im Moment guttun und entlasten kann.

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