Aus Sandras Blog
„Sandra, weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“

„Sandra, weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
Manchmal werde ich gefragt:
„Du bist Trauerbegleiterin – aber weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
Ja.
Leider weiß ich das.
Nicht aus einem Lehrbuch.
Nicht aus meiner Ausbildung.
Sondern weil das Leben selbst mir gezeigt hat, wie sich ein einziger Moment zwischen ein Davor und ein Danach schieben kann.
Und vielleicht ist es an der Zeit, diese Geschichte zu erzählen.
Nicht, weil meine Trauer deine Trauer erklären könnte.
Sondern weil sie ein Teil von mir ist.
Ein Teil meines Lebens.
Und ein Teil davon, warum ich heute Menschen in ihrer Trauer begleite.
„Tschüss, Schnecke. Bis später.“
Ich sehe diesen Moment noch heute vor mir.
Mein Partner ging aus dem Haus.
Wie an so vielen Tagen zuvor.
Ein letzter zärtlicher Kuss.
Und dann seine vertrauten Worte:
„Tschüss, Schnecke. Bis später.“
Wie immer.
Nichts daran fühlte sich nach Abschied an.
Warum auch?
Wir glaubten beide an dieses „Bis später“.
Ich wusste nicht, dass ich ihn gerade zum letzten Mal geküsst hatte.
Dass ich seine Stimme zum letzten Mal gehört hatte.
Und dass aus einem ganz normalen Tag innerhalb weniger Stunden ein Tag werden würde, der mein Leben für immer verändert.
Denn dieses „Bis später“ kam nie.
Mein Partner kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Unser gemeinsamer Sohn war gerade einmal vier Wochen alt.
Während ich selbst kaum begreifen konnte, was passiert war, hielt ich unser Kind im Arm.
Und plötzlich war da dieses kleine Leben, das einfach weitergehen sollte – obwohl meines gerade stehen geblieben war.
Der Morgen danach
Und dann kam der Morgen danach.
Ich öffnete die Augen.
Für einen kurzen Moment war alles wie immer.
Dann drehte ich mich zu deiner Seite.
Leer.
Und plötzlich war alles wieder da.
Dein letzter zärtlicher Kuss.
Deine Worte.
Der Unfall.
Und diese unfassbare Gewissheit:
Du kommst nie wieder nach Hause.
Dann kamen die Tränen.
Nicht ein paar.
Diese Tränen, bei denen der ganze Körper weint.
Bei denen man einfach nur möchte, dass das alles nicht wahr ist.
Und mitten in diesem Schmerz war unser kleiner Sohn.
Unser Kind.
Er brauchte mich.
Während ich selbst gerade jemanden gebraucht hätte, der mir sagt, wie ich ohne dich weitermachen soll.
Also nahm ich ihn in meine Arme.
Ich weinte.
Und ich hielt ihn fest.
Vielleicht war genau das mein erster Schritt durch die Trauer.
Nicht stark sein.
Nicht loslassen.
Nicht nach vorne schauen.
Einfach diesen kleinen Menschen festhalten, während meine eigene Welt gerade auseinandergebrochen war.
Ich wollte dich. Nicht deine Beerdigung.
Dann kam dieser Morgen, von dem man niemals glaubt, dass man ihn einmal erleben muss.
Du stehst auf und dein erster Gedanke ist:
Heute wird meine Liebe beerdigt.
Du gehst duschen.
Du ziehst dich an.
Du weißt, um welche Uhrzeit du auf dem Friedhof sein musst.
Als wäre es irgendein Termin.
Aber ich wollte da nicht hin.
Ich wollte nicht auf diesen Friedhof.
Ich wollte nicht vor diesem Grab stehen.
Ich wollte nicht, dass dort Menschen stehen, mich anschauen, weinen und versuchen, Worte für etwas zu finden, für das es keine Worte gibt.
Nein.
Ich wollte einfach nur aufwachen.
Aufwachen aus diesem verdammten bösen Traum.
Ich wollte, dass du da bist.
Dass du mich in den Arm nimmst.
Mich zärtlich küsst.
Und mich mit deiner ganzen Liebe umhüllst – genauso, wie du es immer gemacht hast.
Ich wollte dich. Nicht deine Beerdigung.
Und weißt du, was verrückt ist?
Von diesem Tag weiß ich heute fast nichts mehr.
Wer war da?
Wer hat mich in den Arm genommen?
Wer hat mit mir gesprochen?
Ich weiß es nicht mehr.
Es ist, als hätte mein Kopf diesen Tag nur in einzelnen Bildern gespeichert.
Vielleicht, weil manche Momente einfach zu groß sind, um sie vollständig zu begreifen.
Mein Kopf wusste es. Mein Herz wartete trotzdem.
Ich wusste, dass du tot bist.
Mein Kopf wusste es.
Und trotzdem gab es diese Momente, in denen ich auf dich wartete.
Ein Auto fuhr vor – und für eine Sekunde dachte ich:
Du.
Ein Geräusch an der Tür.
Schritte.
Ein vertrauter Klang.
Und sofort dieses Gefühl:
Vielleicht kommst du doch nach Hause.
Verrückt?
Nein.
Mein Kopf hatte längst verstanden, dass du nicht wiederkommst.
Aber mein Herz hatte noch keine Ahnung, wie dieses „Nie wieder“ funktionieren soll.
Wie auch?
Gerade eben warst du noch da.
Deine Stimme.
Dein Lachen.
Deine Nähe.
Deine Arme, in denen ich mich so geborgen gefühlt habe.
Und plötzlich sollte das alles für immer vorbei sein?
Ich glaube, genau deshalb habe ich noch so lange auf dich gewartet.
Nicht bewusst.
Mein Herz hat einfach immer wieder nach dir gesucht.
Trauer war für mich nicht nur Weinen und Vermissen.
Trauer war auch dieses Warten auf einen Menschen, von dem ich längst wusste, dass er nicht mehr durch diese Tür kommen wird.
Irgendwann wurde aus diesem Warten etwas anderes.
Erinnerung.
Ich hörte auf, darauf zu warten, dass du zurückkommst.
Aber ich habe nie aufgehört, dich bei mir zu tragen.
Verblasst die Erinnerung irgendwann?
Manchmal werde ich gefragt:
„Verblasst die Erinnerung irgendwann?“
Meine Antwort?
Manches vielleicht.
Aber manches niemals.
Ich habe deine Stimme noch im Ohr.
Dein Lachen in meinen Gedanken.
Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich.
Deinen Blick.
Dein Lächeln.
Diese Art, wie du mich angesehen hast.
Und für einen kleinen Moment fühlt es sich an, als wärst du gar nicht so weit weg.
So viele Jahre sind vergangen.
Und trotzdem gibt es Dinge, die die Zeit mir nicht nehmen konnte.
Das Gefühl, wie es war, von dir geliebt zu werden.
Vielleicht ist genau das das Verrückte an Trauer:
Ein Mensch ist nicht mehr da – und kann uns trotzdem ein Leben lang begleiten.
Nicht jeden Tag mit Tränen.
Nicht immer mit Schmerz.
Manchmal einfach mit einem Lächeln, weil plötzlich eine Erinnerung auftaucht und man denkt:
Ja. Genau so warst du.
Ich muss dich nicht festhalten, um dich nicht zu verlieren.
Du bist längst ein Teil von mir geworden.
Manchmal sehe ich dich in unserem Sohn
Manchmal schaue ich unseren Sohn an – und sehe für einen Moment dich.
Eine Bewegung.
Ein Blick.
Diese eine Art zu lachen.
Nur eine Kleinigkeit.
Und plötzlich denke ich:
Da bist du.
Aus unserem kleinen Jungen ist heute ein erwachsener Mann geworden.
Und wie oft habe ich in all den Jahren gedacht:
Du solltest jetzt hier sein.
Bei seinen ersten Schritten.
Seinen ersten Worten.
Seinem ersten Schultag.
Bei all den kleinen und großen Momenten, die aus einem Kind irgendwann einen Mann machen.
Denn ich habe damals nicht nur meinen Partner verloren.
Unser Sohn verlor seinen Papa, bevor er überhaupt die Chance hatte, ihn richtig kennenzulernen.
Und genau das hat manchmal auf eine ganz andere Art wehgetan.
Deshalb habe ich ihm von dir erzählt.
Von deinem Lachen.
Von deiner Art.
Von unserer gemeinsamen Zeit.
Damit er weiß, wer sein Papa war.
Und heute stehe ich manchmal vor diesem erwachsenen Mann, entdecke etwas Vertrautes und muss lächeln.
Nicht, weil er dich ersetzen könnte.
Niemals.
Sondern weil ein kleines Stück von dir in ihm weiterlebt.
Und dann denke ich:
Wenn du ihn heute sehen könntest … Gott, wärst du stolz auf ihn.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten von Erinnerung:
Ein Mensch kann fehlen – und trotzdem für immer zu einer Familie gehören.
Weiterleben ist kein Verrat
Ich dachte damals wirklich, mein Leben wäre vorbei.
Nicht mein Herzschlag.
Mein Leben.
Weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie ein Morgen ohne dich irgendwann wieder schön sein sollte.
Wie ich wieder lachen sollte, ohne mich dabei schlecht zu fühlen.
Wie ich wieder lieben sollte.
Wie aus diesem kleinen Jungen einmal ein erwachsener Mann werden sollte – ohne dich an unserer Seite.
Und trotzdem sind wir weitergegangen.
Nicht geradeaus.
Nicht immer stark.
Und ganz bestimmt nicht ohne Tränen.
Aber wir sind gegangen.
Heute lache ich wieder.
Ich liebe wieder.
Ich habe ein Leben, das ich damals niemals vor mir sehen konnte.
Und weißt du was?
Das bedeutet nicht, dass ich dich zurückgelassen habe.
Du gehörst zu meinem Leben.
Zu meiner Geschichte.
Zu dem Menschen, der ich heute bin.
Ich musste irgendwann verstehen:
Weiterleben ist kein Verrat an einem Menschen, den wir verloren haben.
Es ist vielleicht sogar die schönste Art zu sagen:
Deine Liebe war ein Teil meines Lebens. Und genau deshalb werde ich meines leben.
Warum ich heute Menschen in ihrer Trauer begleite
Heute bin ich Trauerbegleiterin.
Aber nicht, weil meine Geschichte mir das Recht geben würde, einem anderen Menschen zu sagen:
„Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“
Diesen Satz werde ich nicht sagen.
Denn deine Trauer wird niemals meine sein.
Dein Mensch.
Deine Geschichte.
Dein Schmerz.
Jeder Mensch trauert anders.
Jede Beziehung war anders.
Und jeder Verlust hinterlässt seine ganz eigenen Spuren.
Meine eigene Geschichte hat mir deshalb nicht beigebracht, wie Trauer „richtig“ geht.
Sie hat mir etwas anderes beigebracht.
Wie wichtig es sein kann, wenn jemand den Schmerz nicht wegreden möchte.
Wenn jemand nicht sagt:
„Du musst nach vorne schauen.“
„Du musst loslassen.“
Oder:
„Das wird schon wieder.“
Sondern wenn jemand einfach bleibt.
Zuhört.
Aushält.
Und auch dann noch da ist, wenn für die Welt um einen herum längst wieder Normalität eingekehrt ist.
Genau so verstehe ich meine Trauerbegleitung.
Nicht als Wegweiserin, die weiß, wohin du gehen musst.
Sondern als Mensch an deiner Seite, während du deinen eigenen Weg findest.
Weiß ich also, wie sich Trauer anfühlt?
Wenn mich heute jemand fragt:
„Sandra, weißt du überhaupt, wie sich Trauer anfühlt?“
dann könnte ich von all den Tränen erzählen.
Von einem letzten Kuss.
Von einer leeren Bettseite.
Von einer Beerdigung, zu der ich nicht gehen wollte.
Von Nächten voller Fragen.
Von diesem verrückten Hoffen, dass sich die Tür vielleicht doch noch einmal öffnet.
Aber dann würde ich nur die halbe Wahrheit über Trauer erzählen.
Denn Trauer ist heute auch deine Stimme, die ich noch immer im Ohr habe.
Dein Lachen in meinen Gedanken.
Dieses warme Gefühl, wenn ich mich daran erinnere, wie sehr du mich geliebt hast.
Und die Dankbarkeit dafür, dass es uns überhaupt gegeben hat.
Also ja.
Ich weiß, wie sich Trauer anfühlen kann.
Aber ich weiß auch, dass sie sich verändern kann.
Dass aus diesem alles zerreißenden Schmerz irgendwann eine Erinnerung werden kann, bei der neben einer Träne plötzlich auch ein Lächeln Platz hat.
Ich habe dich nicht vergessen.
Ich habe dich nicht losgelassen.
Ich habe gelernt, dich anders zu lieben.
Unsere Geschichte ist nicht vorbei.
Du gehörst zu mir.
Zu meinem Leben.
Zu dem Menschen, der ich geworden bin.
Und wenn mich heute jemand fragt:
„Sandra, weißt du, wie sich Trauer anfühlt?“
Dann sage ich:
Ja.
Aber ich weiß auch, wie sich Leben danach anfühlen kann. ❤️
Wenn du gerade selbst einen Menschen vermisst und das Gefühl hast, mit deiner Trauer nicht allein weitergehen zu wollen: Ich begleite Menschen auch in schwierigen Situationen ihrer Trauer – persönlich, ohne Bewertung und ohne die Erwartung, dass Trauer irgendwann einfach „vorbei“ sein muss.
Trauer braucht ihren eigenen Weg.
Ihr wünscht euch Begleitung in eurer Trauer?
Dann meldet euch gerne bei mir. Wir schauen gemeinsam, was euch im Moment guttun und entlasten kann.
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